Als der Winter sich zu Ende neigte, kamen sie zur Leidensgeschichte des HErrn JEsu. Da ruhten oft die fleißigen Hände der Zuhörer und falteten sich in ernster Andacht; Klein-Ännchen aber weinte bittere Mitleidstränen, daß man den guten Heiland so übel behandelt. Nun hing er am Kreuz, ward noch verhöhnt und gelästert in seinem bitteren Leiden. Horch, da spricht er noch einmal: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Da unterbrach der Talmüller den Knaben: „Lies heute nicht weiter; ich hab’ genug zu denken!“ Aber als sie bald darauf das Vaterunser beteten, hielt er inne und sprach feierlich: „Und auch dem Firmian; ja, lieber barmherziger Gott, auch dem Firmian!“

Als sie ausgebetet hatten, sah Friedel zum erstenmal, wie die Frau die Arme um des Mannes Hals schlang und ihn unter Freudentränen küßte. Von diesem Tage an blieben zwar die finsteren Stimmungen nicht ganz aus, kamen aber viel seltener und hielten nicht mehr so lange an.

So hatten alle in den dunklen Winterabenden viel gelernt, und der Talmüller wohl am meisten. Dennoch freute sich ein jeder, als der Schnee schmolz, der oft zugefrorene Bach wieder klare, schäumende Wellen schlug, der warme Sonnenschein bald Gras und Blümlein hervorlockte und im frisch grünenden Walde Vogelstimmen laut wurden. Nun gestaltete sich das Leben der Einsamen freier und fröhlicher. Tobi zog wieder aus, um das Korn abzuholen, das seine Kunden vom vorigen Jahre noch aufbewahrt hatten. Woher er’s holte, blieb für Friedel ein Geheimnis, und er hatte längst das neugierige Fragen verlernt. Lustig klapperte die Mühle; Webstuhl und Spinnräder ruhten, und die Mutter schaffte emsig im Krautgarten, der nicht weit vom Hause angelegt war. Die Kinder halfen nach Kräften und hatten ihre Lust an den jungen Hühnern und Tauben, an den Zicklein, die so munter umhersprangen, und den zwei schneeweißen Kaninchen, die Tobi von einem seiner Gänge mitbrachte. Ihre besten Tage waren, wenn die Mutter am Morgen sprach: „Heute könnt ihr das Vieh in den Wald treiben und hüten bis gegen Abend.“

Da zogen sie singend aus, reichlich versorgt mit Brot und Käse und einem Becherlein, das sie so oft voll süße Milch melken durften, als sie nur wollten. Köstliche Stunden verlebten sie da im Grase liegend, zum blauen Himmel aufschauend, der so wunderbar durch die Baumkronen schimmerte, und dem Gesang der Vöglein lauschend, die hier ganz ungestört ihre Nester bauten. Gern suchten sie den Platz auf, wo der Großvater schlief. Es war eine liebliche Waldwiese, von dunklen Tannen und lichtgrünen Birken eingerahmt. Unzählige Blümlein sproßten weiß, rot, goldgelb und blau zwischen dem frischen Gras hervor, und am Rande unter den Bäumen reiften bald süße Erdbeeren in Fülle. Am Grabe des Großvaters saßen die Kinder, wanden Kränze, um es zu schmücken, und dachten nimmer an die Bitterkeit des Todes, sondern an den lichten Himmelssaal, wo der liebe Alte nun ausruhte von der Last des Lebens. Gar gern erzählte Friedel dem kleinen Mädchen von dem friedlichen Leben in der Heimat, aber auch von der Stadt, von der Kirche, vom Paten Rudi, seiner schönen Stube und dem wunderbaren Bilderbuch. Ännchen hörte mit großen Augen zu, denn alles war ihr neu und fremd. Sie war nun schon acht Jahre alt, kannte aber nichts von der Welt als die Talmühle. Ganz dunkel besann sie sich darauf, einmal auf der Wanderschaft gewesen zu sein mit Tobi und den Eltern. Aber es war schon lange her und die Erinnerung sehr unklar.

Manchmal zogen die kleinen Hirten auch weiter, sogar bis zur steilen Felswand am See; doch nur selten, denn dort mußten die Tiere angebunden werden, damit sie nicht etwa, nach einem Gräslein haschend, in die Tiefe stürzten. Friedel ging gern hin; es war der einzige Ort, wo er etwas von der Außenwelt sah, wenn’s auch nicht viel war. Der See war nicht groß, und das andere Ufer viel niedriger, nicht bewaldet, sondern öde und steinig. Aber ganz in der Ferne sah man grüne Bäume, und zwischen ihnen erkannte Friedels scharfes Auge ein Häuschen, aus dessen Schornstein Rauch emporstieg. Wer mochte wohl dort so einsam wohnen? Da saß er und träumte von der Zeit, wo er hinausziehen würde in die Welt, herrliche Dinge schauen und endlich ins Preußenland kommen würde zu seinen Glaubensgenossen. Aber Ännchen durfte nichts davon merken, sonst fing es an zu weinen und sagte, er dürfe niemals fort; es habe ihn ja so lieb.

Doch hatten die Kinder nicht allzuviel Zeit zum Träumen; sie mußten immer etwas mit heimbringen, was der Wald bot: allerlei Beeren je nach der Jahreszeit, Pilze, würzige Arzneikräuter, die Tobi sie kennen lehrte, Haselnüsse und endlich ganze Säcke voll Tannenzapfen, die das Herdfeuer so lustig und helleuchtend machten. Reichbeladen kamen sie dann singend heimgezogen, denn Ännchen lernte erstaunlich schnell alle Lieder, die Friedel wußte. Seltsam war’s, daß sie nie jemandem im Walde begegneten. Auf den Wald- und Bergfahrten, die der Knabe früher mit dem Großvater gemacht, war’s ja auch sehr einsam gewesen, aber doch hatten sie zuweilen einen Holzfäller angetroffen, einen Jäger oder ein Weiblein, das Beeren suchte. Ja, es war etwas Märchenhaftes um die Talmühle; man spürte es im Sommer mehr als zur Winterszeit! Wenn die Kinder daheim blieben, um der Mutter im Garten zu helfen oder das Heu auf der Wiese zu wenden, kam es mehr als einmal vor, daß Wolf, der große Hund, der sich nie weit vom Hause entfernte, unruhig ward, die Ohren spitzte und endlich mit wütendem Gebell fortstürzte, meist nach der Schlucht zu, wo Friedel einst so angstvoll hergekommen war. Dann war der Talmüller im Nu bei der Hand, mochte er sein, wo er wollte, warf sich das Bärenfell oder ein weißes Laken um und folgte dem Hunde, seltsame, schauerliche Töne ausstoßend. War er aber auf die Jagd gegangen, was im Sommer nur selten geschah, so erschien Tobi mehlbestäubt und eilte in wunderlichen Sprüngen dem Hunde nach. Bald kamen sie ganz ruhig zurück, als sei nichts geschehen; das feine Ohr des Knaben hatte aber mehr als einmal einen Schreckensruf im dichten Gebüsch vernommen und das Knacken von Ästen und Zweigen, als ob jemand schnell und blindlings die Flucht ergriffe. Fragte er, was geschehen sei, bekam er von Tobi nur neckische Antworten. Der Talmüller aber machte ein finsteres Gesicht und hieß ihn schweigen.

* *
*

Vier Winter und drei Sommer waren vergangen. Friedel war kräftig emporgewachsen und ein schöner, stattlicher Knabe geworden. Das Leben in der Talmühle war dasselbe geblieben; aber die Kinder hatten sich allmählich verändert. Noch hingen sie aneinander mit herzlicher Liebe; ja, Friedel hätte jederzeit sein Leben für das zarte, holdselig aufblühende Mädchen gewagt. Aber das stete Beisammensein wollte nicht mehr recht passen.