Ännchen hing mehr und mehr an der Mutter, lernte von ihr die einfache Mahlzeit kochen, einen immer feineren Faden spinnen und aus dem derben Wollzeug, das Tobi webte, ihr eigen Röcklein nähen. Lesen konnte sie nun ebensogut wie Friedel; sie wechselten miteinander ab beim Vorlesen am Abendfeuer. Im letzten Winter hatte der Knabe den Männern wacker geholfen beim Holzfällen und allerlei Arbeit in Stall und Scheune. Als aber der Frühling wieder ins Land zog, ward er still und matt, sah bleich aus und lag gern einsam unter einem Baum, zum Himmel aufschauend.

Einst hatte ihn der Talmüller schon zweimal gerufen, ohne daß er hörte; da trat er zu ihm und fand ihn bitterlich weinend.

„Was fehlt dir, Bub?“ fragte er erschrocken.

Erst wollte er lange nicht antworten, endlich aber brach er schluchzend in die Worte aus: „Hinaus muß ich; hinaus aus dem engen Tal! Unter Menschen, ins Leben will ich; ich muß sonst sterben!“

„Was ist denn so plötzlich über dich gekommen?“ fragte der Mann.

„Nicht plötzlich! In mancher Winternacht hab’ ich geweint, wenn Tobi fest schlief. Ich hab’ euch alle lieb, und solang ich ein Kind war, ging alles gut. Aber ich kann nicht mehr mit dem Ännchen hinausziehen, das wenige Vieh zu hüten! Ich muß was Besseres zu tun haben, als Blumen und Beeren suchen! Ich möcht’ ein Mann werden und was Rechtes taugen in der Welt!“

„Weißt du nicht, daß du noch immer zu jung bist, allein in die Welt zu ziehen?“

„Ich weiß es wohl; aber ich weiß auch, daß Tobi hinausgeht unter Menschen. O, laßt mich mit ihm! Mir wird so bang in dem engen Tal, als solle mein Herz zerspringen!“

Der Talmüller schwieg lange; dann begann er: „Es mußte so kommen; ein frischer Bub wie du sehnt sich hinaus. Später wirst du dich vielleicht oft zurücksehnen in diese tiefe Einsamkeit. Ganz fort darf ich dich noch nicht lassen; du weißt nicht, wie hart das Leben ist. Aber du sollst etwas lernen; ich will dich in die Mühle nehmen, daß du in etlichen Jahren als Mühlknappe ausziehen kannst. Auch Menschen sollst du sehen, aber nur, wenn du schweigen gelernt hast. Sag’, willst du zu niemand sprechen von dem, was du hier erlebt? Willst du besonders den Pfad, der aus dieser Einsamkeit führt, keinem verraten?“

Nach kurzem Besinnen erwiderte Friedel: „Als ich noch ganz klein war und kaum übern Tisch gucken konnte, lehrte mich der Großvater schon viele Sprüchlein. Und eben diese vergaß ich nie! Eins davon heißt: ‚Ein Verleumder verrät, was er heimlich weiß; wer aber getreuen Herzens ist, verbirgt dasselbige.‘“