„Ich vertraue dir!“ sprach der Talmüller. „Wenn der Tobi wieder auszieht, ziehst du mit.“
O wie klopfte Friedels Herz vor Freude, endlich einmal wieder hinaus zu kommen aus diesem stillen, märchenhaften Tale!
4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.
Nicht lange nach diesem Gespräch führte Friedel eines Morgens das Eselein aus dem Stalle. Ganz sauber hatte er sein graues Fell gebürstet und das Zaumzeug schön geputzt. Es war noch viel zu zeitig zum Ausziehen. Frau Marie kochte eben erst die Morgensuppe, und der Talmüller schlief noch fest. Aber Ännchen stand schon bei dem Knaben und zupfte ihm den nagelneuen Kittel zurecht, den sie selbst hatte nähen helfen.
„Ich bring’ dir auch was mit aus der Welt draußen“, versprach Friedel. „O wie mein Herz klopft! Was werd’ ich sehen? Wohin wird der Weg führen?“
Die Mutter rief zum Essen; doch nahm Friedel nur ein paar Löffel von der guten Suppe und steckte das Brot in die Tasche. Nun waren sie bereit; Tobi freute sich, den Knaben, den er sehr liebte, zum Gefährten zu haben, aber Christoph war nicht zu sehen. Als die beiden, den Esel vor sich hertreibend, über den Steg gingen und Ännchen ihnen noch ein Lebewohl nachrief, guckte der Mann verstohlen zur Dachlucke heraus.
„Da zieht er hin, der treue, liebe Junge, der mir Frieden und Hoffnung gebracht hat durch das herrliche, göttliche Buch!“ sprach er zu sich selbst. „Und in wenig Jahren muß ich ihn ganz fortlassen. O Gott, laß ihn dann nur nicht allzuviel Jammer erleben! Ja, auch mich zieht’s manches Mal hinaus. Wohl möcht’ ich wieder unter Menschen leben. War ich doch der frischeste, fröhlichste Bursch im ganzen Dorf! Aber nein, ’s geht nimmer! Das Herz ist allzu tief verwundet; es kann nimmer, nimmer ganz genesen. Ich hab’ mein Weib und mein Kind, das ist mir genug!“
Rüstig schritten die beiden Wanderer vorwärts. Der kaum sichtbare Pfad führte zuerst durch dichten Wald; oft mußten sie sich bücken unter den tief herabhängenden Ästen, oft dem Esel vorausgehen, damit er sich nicht im Gestrüpp verwirre. Eine Stunde waren sie so gewandert, da ward der Wald lichter; der Weg führte ziemlich steil bergauf, und plötzlich standen sie vor einer hohen zerklüfteten Felswand.
Fragend blickte Friedel seinen Begleiter an. „Meinst, die Welt sei hier alle?“ lachte dieser. „Komm nur mit; wirst dein Wunder schauen!“
Dicht an dem Felsen gingen sie hin; an der andern Seite niedriges Nadelholz. Jetzt aber ergriff Tobi das Eselein am Zaum und führte es vorsichtig an der Felswand empor, die hier weniger steil war und einen tiefen Einschnitt hatte. Darüber aber wölbte sich das Gestein wie ein Dom. Gewand kletterte Friedel nach, erschrak aber nicht wenig, als sein Begleiter mit dem Tier plötzlich verschwunden war. Da hörte er ihn lachen, und siehe, er stand in einem breiten Spalt zwischen zwei Felsblöcken, der in einen dunklen Gang führte. Bald aber fiel von oben ein wenig Licht hinein. Manchmal war eben nur Raum genug für die Wanderer, dann öffneten sich wieder weite Höhlen und Hallen, vom Felsen gebildet. Dem Knaben war’s feierlich und ein wenig ängstlich zumute. Jetzt ward der Gang wieder sehr schmal. Tobi sagte, er sei eben noch breit genug, um den Esel, wenn er mit Säcken beladen sei, durchzulassen. Aber horch! Tönten da nicht Menschenstimmen? Bellte nicht ein Hund? O Wunder! Hörte man nicht deutlich das Jauchzen spielender Kinder? Jetzt bogen sie um eine scharfe Ecke; es ward heller und heller, und jetzt traten sie hinaus und erblickten ein Bild fröhlichen Lebens, wie es der Knabe seit Jahren nicht gesehen. Sie standen auf einem großen, weiten Bauernhof, der teils durch den Felsen, teils durch ein niedriges, aber sauberes Wohnhaus mit eingebauten Stallungen, teils durch eine hohe Steinmauer mit weitem Eingangstor begrenzt war. Lustig plätscherte der Brunnen in der Mitte. Der Hofhahn krähte auf dem hohen Düngerhaufen, Hühner und Gänse tummelten sich ringsumher, und eine Schar rotwangiger, blondhaariger Kinder tanzte singend im Kreise. Friedel jauchzte laut auf bei diesem Anblick. Endlich, endlich sah er wieder Menschen, über denen kein geheimnisvoller Schleier hing.