„So komm; aber hüte dich, daß du nicht fällst!“
In einer Ecke des Hofes waren in die steile Felswand rohe Stufen eingeschlagen, eben groß genug, den Fuß hineinzusetzen. Wie ein Kätzchen kletterte der Kleine voran; vorsichtiger folgte Friedel, und sie erreichten bald einen breiten Vorsprung, von dem sich dem Auge eine herrliche Aussicht bot. Ein weites, ungemein fruchtbares Tal breitete sich vor Friedels entzückten Blicken aus. Grünende Wiesen, blühende Obstbäume, sprossende Saatfelder wechselten lieblich miteinander ab; ein silberhelles Flüßchen schlug muntere Wellen, und eine große Anzahl niederer Hütten mit gelben Strohdächern belebte die Landschaft. Am Ausgang des Tales aber erhob sich auf luftiger Höhe ein Schlößlein mit zierlichen Türmen und vielen Nebengebäuden. Hier und da erkannte Friedel zu seiner großen Freude auch Menschen, nach denen er sich ja so sehr sehnte. Dort pflügte ein fleißiger Ackersmann; ein anderer streute Samen aus. An jener Anhöhe weidete ein alter Mann eine Schafherde; dort trieben zwei barfüßige Kinder junge Gänschen und Enten in den Fluß, und wateten selbst hochgeschürzt in die klaren Wellen, einander neckend und bespritzend. Und da, weit hinten, ragte ja ein kleiner, altersgrauer Kirchturm zwischen hohen Bäumen hervor.
Ganz verwundert horchte der Kleine auf die freudigen Ausrufe seines Gastes, der sich, von der Wanderung ermüdet, auf der Felsplatte niedergesetzt hatte. Ihm war ja dieser Anblick friedlichen Lebens etwas Alltägliches.
„Deines Großvaters Haus ist das größte und schönste im ganzen Tal“, sagte Friedel endlich.
„Gewiß!“ erwiderte Wilhelm. „Er ist eben der einzige freie Bauer; die andern sind nur Hüttenleute, die dem Edelmann Pachtgeld zahlen und viel Frondienste tun müssen. Haben oft kaum Zeit, ihr bißchen Feld zu bestellen.“
„Wohnt der Edelmann dort oben im Schlößli?“
„Nein; gottlob nicht! Er wohnt weit weg an eines Fürsten Hof. Auf dem Schlößli sitzt nur sein Haushalter, ein braver Mann, der die armen Hüttenleut’ nicht allzusehr schindet.“
„Mein Großvater war auch ein freier Bauer“, berichtete Friedel, „aber der Erzbischof hat ihm doch alles genommen.“
„Ja, die Pfaffen, die saugen die Welt aus“, sprach Wilhelm altklug. „Der da hinten beim Kirchli sitzt, ist freilich nicht so schlimm. Er ißt und trinkt, und läßt die Leut’ treiben, was sie wollen. So sagt Großvater“, fügte er erklärend hinzu. „Aber horch, die Mittagsglocken! Komm hurtig; ’s gibt ein paar fette Hühner und gewiß Eierkuchen hinterdrein, weil ihr Gäst’ seid.“
Es war eine stattliche Tischgesellschaft, die sich in dem zwar niedrigen, aber weiten Gemach um die blanke eichene Tafel sammelte. Obenan saß der Franzl, ihm zur Seite zwei Söhne, stattliche Männer, Tobi und Friedel bekamen ihren Platz neben ihnen. Dann folgten drei junge Burschen; um das untere Ende scharten sich Frauen und Kinder. Fremdes Gesinde sah man nicht; der Franzl wirtschaftete mit Kindern und Enkeln allein. Die Speisen, die in großen Schüsseln und mächtigen Pfannen aufgetragen wurden, waren besser als alles, was Friedel bisher gekostet. Und als zum Nachtisch ein großer irdener Krug roten Weines erschien, trank Franzl aus seinem silbernen Becher; auch die Gäste mußten ihm in solchen Bescheid tun. Die Frauen und Mägdlein trugen silberne Ohrringe und Halsketten; alles zeugte von behaglichem Wohlstand. Als das Dankgebet gesprochen war, sagte Franzl: