„Die armen Hüttenleut’ haben noch manchen Sack Korn liegen von der guten Ernte im letzten Jahr. Wenn du heute Zeit hättest, Tobi, könntest du dir’s zusammentragen und nach und nach hier abholen. Ich borg’ dir noch einen Esel, den kann der Bub wohl führen.“
„Hab’s auch schon gedacht“, erwiderte Tobi. „Dem Friedel gelüstet’s, die Welt zu schauen; da sieht er heute doch ein Stücklein!“
„Freilich ein armseliges!“ setzte Franzl hinzu.
Nach kurzer Mittagsrast zogen die beiden aus, zwei Esel vor sich hertreibend, die sie nach ein paar Stunden schwer beladen zurückbrachten, und taten noch einmal so, ehe der Abend hereinbrach.
Todmüde sank Friedel in das dicke, weiche Federbett, das er mit Wilhelm teilte; aber sein Herz war leicht und froh. Er war nicht gefangen in der engen Talmühle; es gab noch Leben, es gab noch eine Welt für ihn!
Am andern Morgen zogen sie noch einmal aus, um vom äußersten Ende des Tales eine Ladung Kornsäcke zu holen. Auf sanfter Anhöhe ruhten sie unter blühenden Bäumen ein wenig aus. Da begann Tobi:
„Da du nun doch weißt, daß über des Talmüllers Leben ein Geheimnis waltet, sollst du heute erfahren, wie es ihm ergangen ist. Daß du treu bist und schweigen kannst, hast du genug bewiesen.“
„Ist dir erlaubt, mir’s zu berichten?“ fragte Friedel. „Nimmer begehr’ ich zu hören, was geheim bleiben soll!“
„Das ist brav! Aber der Talmüller hat mir selbst aufgetragen, dir heute zu erzählen, wie’s ihm ergangen ist.
Er heißt eigentlich Christoph Hügli. Weit unten im Salzburger Land, nahe der Tiroler Grenze, lag sein hübsches Bauerngütlein mit einer stattlichen Mühle. Freilich gehörte das Land dem Erzbischof, aber seit langen, langen Jahren hatten’s Christophs Vorfahren zum Lehen gehabt. Obwohl der Christoph ein wilder Bursch war, hatten ihn alle gern, denn er war dabei treuherzig, ohne Falsch und allezeit mildtätig gegen die Armen. Seit er die Marie geheiratet hatte, ein verlassenes Waislein, aber fromm und schön, ward er auch gesetzter, und sie lebten zusammen in Liebe und Frieden wie die Engel im Himmel. Ein prächtig Büblein hatte ihnen Gott geschenkt; sie nannten’s Arnold, und es war des Vaters Augapfel. Nahebei auf einer Höhe hatte der Firmian ein Lustschlößlein, wo er zuweilen Hof hielt mit allerlei Gästen. Da trieben sie mancherlei Kurzweil und lagen auch fleißig der Jagd ob, denn in den schönen Waldungen gibt’s edles Wild in Fülle. Des Talmüllers Felder lagen aber just am Waldesrand, und da konnt’s nicht fehlen, daß oft die ganze glänzende Jagdgesellschaft mit Hallo und Hussa durch sein Korn und Weizen galoppierte, einem fliehenden Wild nach. Wenn er dann händeringend dabeistand, haben sie ihn noch verhöhnt. Auch kam das Wild nicht selten des Nachts aus dem Walde, um sich am Getreide sattzufressen und alles zu verwüsten. Wegschießen aber durfte man keins bei schwerer Strafe. Das war eine rechte Qual für Christophs heftiges Gemüt; besonders weil er gar zu gern selbst gejagt hätte und ein so guter Schütze war, daß er beim Scheibenschießen stets ins Schwarze traf und manch schönen Gewinn einsackte. Doch hat er sich lange tapfer bezwungen; auch sein Weib hat ihn immer zur Geduld ermahnt.