Einmal aber war Lust und Not zugleich ins Haus gekommen. Der herzige kleine Bub, nun schon vierjährig, lag schwer krank an den Pocken; Marie aber hatte am Abend ein Mägdlein geboren und war recht matt und schwach. Die untreue Magd war aus Angst vor der Krankheit davongelaufen, und der arme Mann wußte nicht, wem er zuerst helfen sollte, dem jammernden Büblein, der schwachen Frau oder dem schreienden Neugeborenen. Da stürzt beim Morgengrauen der Hütebub in die Kammer und schreit: ‚Meister, das Wild ist im Weizen! Ein ganz Rudel!‘ Da übermannte ihn der Zorn. Ohne auf den Ruf der Frau zu achten, reißt er den Stutzen (kurze Flinte) von der Wand und ist im Nu draußen. Der Schuß kracht, und ein prachtvoller Edelhirsch stürzt, gerade zwischen die Augen getroffen, und verendet alsbald. Zu Tode erschrocken sieht’s der Bub und der Knecht. ‚Fliehet, fliehet, Meister; ’s gilt Euer Leben!‘ schreien sie. Aber der Christoph spricht: ‚Nimmer flieh’ ich und laß mein Weib und Kind der Rache des Tyrannen.‘ Da machten sie in rasender Eile eine tiefe Grube, zerrten den Hirsch hinein, schlossen sie und häuften Steingeröll darauf. Aber o weh! Es mochte wohl irgendwo an einer Waldecke oder hinter einer Mauer ein Lauscher und Verräter gestanden haben, denn ein ehrlicher Mann ist selten ohne Feind in dieser bösen Zeit. Es hat nicht lang gedauert, da kamen des Erzbischofs Häscher und schleppten den wackeren Mann vor die Augen des harten Herrn. Er leugnet nichts, bittet und fleht um Gnade und verspricht, all sein beweglich Gut hinzugeben; man solle ihn nur bei Weib und Kind lassen. Da lacht der Stolze höhnisch und spricht: ‚Dein Hab und Gut, elender Knecht? Das ist ohnedies verwirkt! Morgen schon übernimmt ein anderer dein Lehen. Du aber sprich dein Gebet; in einer Stunde hängst du am Galgen.‘ Der Jammer und die stumme Verzweiflung auf des schönen, kräftigen Mannes Antlitz gingen aber einer vornehmen Dame in des Bischofs Gefolge zu Herzen. Er hatte ihr jüngst versprochen, daß er ihr nie eine Bitte abschlagen wolle. So bat sie jetzt um das Leben des Armen, und nach einigem Besinnen gewährte er’s ihm. Dann aber redete er heimlich einige Worte zu einem Diener, der sich alsbald entfernte. Als nun Christoph sich kniend bedankt und dem tückischen Manne Gottes Lohn gewünscht hat, verläßt er das Gemach und will heimeilen. Siehe, da packen ihn draußen ein paar bewaffnete Knechte, schleppen ihn in den Hof, peitschen und martern ihn so grausam, daß er fast den Geist aufgibt, legen ihm schwere Fesseln an und werfen ihn, mit Wunden bedeckt, in einen feuchten, finstern Kerker.“ –

Überwältigt von Mitleid schwieg Tobi eine Weile und barg das Gesicht in die Hände. Friedel aber ballte die Faust in ohnmächtigem Zorn und rief:

„O der böse, böse Mann! Und nur wegen eines Hirsches!“

Bald fuhr der Kleine fort: „Gott hatte ihm einen riesenstarken Leib gegeben, sonst wär’ er gewiß bald gestorben, wohl weniger vor Frost und Hunger als vor bitterem, herznagendem Leid. So aber lag er vier lange Jahre in dem garstigen Loch gefangen; dann erschien er plötzlich, ganz abgezehrt, bleich und in Lumpen gehüllt, im Dorfe. Wer ihn sah, schrie auf vor Schrecken und meinte, es sei ein Gespenst. Aber er war es selbst; man hatte ihn frei gelassen. Der Kammerdiener des Bischofs erzählte, sein Herr habe wohl einen sehr bösen Traum gehabt. Er habe immer im Schlaf aufgeschrien: ‚Der Hirsch! Der Hirsch kommt aus der Grube! Er will mich zertreten, er will mich aufspießen!‘ Sein Gewissen mag ihn wohl gezwackt haben. Aber zugleich hieß es, niemand dürfe den Christoph herbergen; er solle alsbald fortwandern aus dem Salzburger Land. ‚Fort, fort!‘ stöhnte der arme, elende Mann selber. ‚Nur fort von diesem Ort des Jammers!‘ Als er aber sein Weib, das barmherzige Leute ins Haus genommen hatten, wieder ans Herz drückte, und das Ännchen ihm die Wangen streichelte, weinte er helle Freudentränen. Aber ach, sein Büblein, den herzigen Arnold, suchte er vergebens! Als man damals das arme Weib mit den Kindern ohne alles Erbarmen von Haus und Hof trieb, trug der Hütejunge das Knäblein, das ja schwer krank war. Da hörte es, wie die Dorfleute, die in Angst und Schrecken zusammenstanden, einander erzählten, was man seinem lieben Vater getan. Da schrie es laut auf, fiel alsbald in Krämpfe, und ehe die Sonne sank, war das kleine, liebreiche Herz gebrochen.

Als man das dem Christoph erzählte, hob er die Hand gen Himmel und rief: ‚Alles, alles will ich dem Firmian vergeben; aber meines Arnolds Tod vergeb’ ich ihm nie!‘ Und er sprach schreckliche Worte des Fluches über das Haupt des Unbarmherzigen.

Herbergen durfte ihn keiner; aber das konnte niemand wehren, daß man ihm ordentliche Kleider gab, allerlei Gewand und Decken für Weib und Kind, auch manch silbernen Zehrpfennig und gute Reisekost. Als er nun fürder ziehen wollte, kam der Hütebub gelaufen, in des Armen damals das Arnoldlein gestorben war. Es war kein schöner Bursch aus ihm geworden, klein, verwachsen und häßlich. Der sprach zum Christoph: ‚Meister, Ihr habt mich aufgenommen, als ich ein verlassen Bettelbüblein war. Bei Euch ist meine Heimat; ich ziehe mit Euch! Und hier ist ein Eselein, das schickt Euch der Müller vom Oberdorf, bei dem ich zuletzt gedient. Setzt Euch darauf; Ihr seid zu schwach zum Wandern.‘“

„Und der brave Bursche hieß Tobi?“ fragte Friedel.

Das Männlein nickte und fuhr fort: „So zogen wir langsam durchs Land, und Gott gab milden Sonnenschein und schönes Wetter, so daß sich der Christoph schnell ein wenig erholte, und leise, leise wieder ein klein wenig Lebenslust in sein gemartertes Herz zog. Aber eine große Menschenscheu war ihm geblieben. Auch hatte er sich gelobt, nie wieder eine katholische Kirche zu betreten, was er doch nicht hätte vermeiden können, wenn er sich in einem bayrischen oder österreichischen Dorf niedergelassen hätte.