Dazu kam, daß sein Herz mit tausend Fäden am Heimatlande hing, wie’s ja uns Bergbewohnern eigen ist. ‚Ach‘, sprach er oft, ‚wenn wir nur ein versteckt Winkelchen in unsern Bergen finden könnten und nicht außer Land müßten! Der Firmian kann ja auch sterben; dann darf ich mich wohl wieder unter die Leut’ wagen. Jetzt möcht’ ich ganz einsam leben mit Weib und Kind.‘ Da kamen wir endlich zum Franzl am Stein. Der hat auch einen tiefen Groll auf den Firmian, der ihn einmal schwer geschädigt hat; ich weiß nicht, wodurch.
Als wir nun bei ihm rasteten und ihm alles erzählten, weil er gar so treuherzig aussah, sagte er, es stünde hier drüben am Gießbach eine verfallene Mühle, die wohl wieder herzurichten sei. Für die Hüttenleut’ im ganzen Tal wäre es gut, wenn sie wieder in Gang käme, denn es sei so weit nach der nächsten großen Mühle; dazu sei der Müller nicht allzu brav und breche oft ab am Gewicht. Er verhehlte uns aber nicht, daß das Tal verrufen sei wegen einer Mordtat, die einst da geschehen. Es wage sich selten jemand hinein. Da sprach der Talmüller: ‚Das ist mir eben recht; üble Tat geschieht wohl überall! Liegt ein Fluch auf dem Ort, so soll mein frommes Weib beten, daß ein Segen draus wird. Vor Spuk fürchte ich mich nicht; hab’ mein Tag solchen Aberglauben nicht leiden mögen.‘ So führte uns der Franzl durch die Felsspalte hierher und half uns treulich aus mit allem, was wir zum Anfang brauchten. Zuerst ging es uns hart; aber Gott segnete unsere Arbeit, so daß endlich die Mühle wieder in Gang kam und nach schweren, mühsamen Wochen auch das Häuschen wohnlich wurde.
Wenn nun auch der Talmüller selbst an keinen Spuk glaubte, so wußte er sich doch den Aberglauben der Leute zunutze zu machen. Alle Zugänge zum Tal wurden noch unwegsamer gemacht mit Gestrüpp, Steingeröll und großen Baumstämmen, die wir mühsam hinwälzten. Verirrte sich aber doch ein Jäger, Holzhacker oder Beerensucher in unser Gebiet, so scheuchten wir ihn weg in allerlei Verkappung, wie du ja selbst gesehen hast. Durch die Felsspalte ist wohl kaum je einer gekommen; sie war schon lang vorher Franzls Geheimnis. Dennoch glaub’ ich, daß mehr als einer von den Hüttenleuten weiß, wo sein Mehl gemahlen wird. Sie nennen mich den Wandermüller. Viele, viele von ihnen sind dem Firmian auch feind, wie er’s ja wohl verdient.
So gefiel’s dem Christoph ganz wohl in der Einsamkeit; die Frau ist ja allezeit still und zufrieden, und das Kind ward ein rechtes Waldröslein. Aber vier lange Jahre im Kerker mit so starkem Sinn und heißem Herzen lassen doch Spuren zurück. So hat auch Christoph allerlei behalten, was schwer zu tragen ist, besonders für die Frau. Du kennst ja seine finsteren Tage; du weißt ja, was er immer nach der fünften Bitte vor sich hin murmelte, und seit wann er’s nicht mehr tut. Aber eins will er nicht lassen, und es macht uns schwere Sorge. Er schießt nicht selten ein Stück Wild! Wenn er’s nur in seinem verborgenen Tal täte, wär’s ja kein Unglück, aber er wagt sich von Jahr zu Jahr weiter hinaus. Viel Jagd ist ja nicht hier ringsum, aber es ist einmal verboten, und er sollte es nicht tun. Er sagt aber, da er um eines einzigen Hirsches willen sein ganzes Hab und Gut verloren hätte, könnt’s keine Sünde sein, wenn er sich manchmal einen Braten holte auf seinen mageren Tisch.“
„In die Kirch’ seid ihr wohl allesamt nimmer gekommen?“ fragte Friedel nach einer Weile.
„Nimmer!“ erwiderte Tobi. „Zuerst lag’s der Frau schwer auf dem Herzen, daß sie nicht einmal ihre Osterandacht halten konnte, wie’s streng geboten ist in der Papstkirche. Aber nach und nach fand sie sich darein. Ihr Vertrauen zu den Priestern hatte einen starken Stoß bekommen durch des Bischofs Grausamkeit. ‚Gott ist ja überall‘, sprach sie. ‚Zu ihm kann ich unterm blauen Himmel beten und im engen Kämmerlein.‘ Es tat ihr nur oft leid, daß sie so wenig von Gott und dem Heiland wußte. Da kamst du und brachtest uns das herrliche, himmlische Buch. Nun haben wir tausendmal mehr, als in allen Kirchen des Bischofs zu finden ist.
So, nun weißt du alles. Laß uns weitergehen, und gib acht auf dein Grauchen; der Pfad wird hier schmal und unsicher.“
5. Der Tod kehrt ein.
Nun begann für Friedel ein neues Leben, anstrengender, härter, aber auch männlicher als bisher. In der Mühle arbeitete er unter Anleitung des Talmüllers, der nicht immer ein bequemer Geselle war. Selbst von gewaltiger Kraft und zäher Ausdauer, verlangte er oft zuviel von dem schnell wachsenden Knaben, ward leicht ungeduldig und konnte sogar, wenn ihn der finstere Geist überfiel, recht hart sein. Aber Friedel gedachte des Furchtbaren, das der Mann erduldet, darum hielt er ihm alles zugut und hütete sich, ihn zu reizen. Desto wohler tat’s ihm, daß der Müller ihm völlig vertraute, ihn sogar nicht selten allein zum Franzl am Stein schickte und ihn tagelang dort verweilen ließ. „Wenn der Bub in die Welt ziehen will, muß er mit Menschen umgehen lernen“, sprach er; „sonst möcht’s ihm übel ergehen.“
Allzuviel von der Welt erfuhr der Knabe freilich nicht im Haus des freien Bauern, denn weder dieser noch seine Söhne waren jemals weiter gekommen als zum Markt der nächsten Stadt, die etwa fünf Stunden weit entfernt lag. In den Hütten der armen Talbewohner aber, denen er ihre Mehlsäcklein brachte, sah die Welt gar nicht herrlich, sondern recht kümmerlich aus. O wie mußten sie sich plagen mit hartem Frondienst auf des Edelmannes Land, ehe sie nur ihr eigen Äckerlein bebauen durften! Wie schnell zog bittere Armut in die Hütte, wenn etwa der Mann krank daniederlag! Und ach, wie groß war die Unwissenheit der armen Leute! Eine Schule gab’s nicht im Tale; der Priester aber, der wohl Zeit gehabt hätte, die Kinder ein wenig zu lehren, schlief lieber im Lehnstuhl oder zechte mit des Edelmannes Beamten.