Ganz anders stand es in Franzls freiem Hof. Nicht nur Genüge, sondern Überfluß herrschte darin, dazu gute, etwas strenge Zucht. Die Buben und Mägdlein lernten alle zu rechter Zeit lesen und beten beim Großvater, der freilich die Haselrute stets dabei hatte und wohl zu gebrauchen wußte. Am meisten Gefallen fand Friedel an Franzls jüngstem Sohn Joseph, etwa zwei Jahre älter als er, aber nicht etwa viel größer und stärker; o bewahre! Dieses munteren Burschen Sinn stand auch hinaus ins Weite. Und da schon zwei verheiratete und zwei ledige Söhne auf dem Hof wirtschafteten, hatte niemand etwas dawider, daß er nächstes Frühjahr zu einem Verwandten nach Bayern ziehen wollte, um dessen Handwerk zu lernen. Er war Silberschmied. So sollten die beiden Freunde miteinander wandern, nur daß Friedels Weg noch ein wenig weiter führte, bis nach Preußen. Von den großen Landstrecken, die dazwischen lagen, von den Beschwerden, Gefahren und Versuchungen, die ihnen drohten, hatten die guten Jungen keine Ahnung, und die Alten auch nicht viel mehr. Sie meinten, viel anders könne es ja in der Welt auch nicht aussehen als hier im Salzburger Ländchen.

Was war das für ein Festtag, als Christoph dem Friedel seinen alten Stutzen schenkte und ihm erlaubte, auf das kleine Wild um die Mühle her Jagd zu machen! Ännchen beklagte es freilich, daß die Häschen, Eichkätzchen und wilden Kaninchen nun so geängstet und verscheucht wurden; doch hatte sie nichts dagegen, daß Friedel den bösen Mardern und Wieseln, die ihren Hühnern so gefährlich waren, eifrig nachstellte. Bald verfehlte er nur selten sein Ziel; und als er einen Geier, der über der Mühle kreiste, herabschoß, erschien er dem Mägdlein als ein rechter Held.

Zwei Jahre größerer Freiheit und strammer Arbeit hatten dem Buben gutgetan; er blickte frisch und mutig ins Leben und wuchs schön und kräftig heran.

„Nur noch ein Jahr“, sagte er oft zu Ännchen, „dann bin ich siebzehn; dann geht’s fort in die weite Welt! So wein’ doch nicht; ich komme ja wieder! Draußen werd’ ich schnell ein Mann, verdiene viel Geld, kauf’ mir eine Mühle und hol’ euch alle zu mir.“

Zu solchen Luftschlössern lächelte Ännchen wehmütig. Sie konnte sich gar nicht dazu aufschwingen, denn eine schwere Sorge lastete auf ihrem Herzen, die Sorge um die liebe Mutter.

Frau Marie war bis zu jenem entsetzlichen Unglückstag immer frisch und blühend gewesen. Aber der furchtbare Schrecken so kurz nach der Geburt des Kindes, der Tod des lieblichen Knaben und der jahrelange Kummer um den gefangenen Mann hatten ihre Gesundheit untergraben. Matt und elend war sie seitdem gewesen, hatte aber in selbstloser Sorge für die andern nur wenig darauf geachtet. Der böse Husten, der sie im kalten Winter oft quälte, ward immer wieder gelindert durch einen Tee aus heilsamen Waldkräutern, und im Sonnenschein meinte sie stets, sie sei nun wieder ganz gesund. In diesem Jahre aber ward es anders. Schon im Winter hatte sie wochenlang das Bett nicht verlassen können; jetzt ging sie zwar umher und griff die Arbeit an, mußte sie aber oft wieder liegen lassen, von unbesiegbarer Schwäche übermannt.

Ännchen rührte ja emsig die kleinen Hände; auch Tobi, der alles verstand, kochte wunderbare Gerichte und stand mit hochaufgestreiften Ärmeln am Waschfaß. Dennoch konnten beide die Mutter nicht ersetzen. Bald legte sich die Sorge um sie schwer auf aller Herzen; Christophs Stimmung aber ward durch diese Sorge wieder finsterer und trüber als je. Es war nicht seine Art, die warme, ja heiße und leidenschaftliche Liebe, die er im Herzen trug, zu zeigen. So wußte auch Frau Marie nicht, wie oft er sie beobachtete, wie weh es ihm tat, sie so matt und bleich und dabei doch geschäftig und treusorgend zu sehen.

Dreizehn Jahre waren vergangen seit jenem Schreckenstag; neun Jahre lebten sie nun schon vor aller Welt verborgen. War es nicht Zeit, sich wieder hinaus zu wagen unter freundliche, mitfühlende Menschen? Die Frau müßte es besser und bequemer haben! Ein Arzt könnte ihr vielleicht helfen! Und das Kind? Ach, es würde bald kein Kind mehr sein! War wohl dies einsame Tal der rechte Ort für ein heranblühendes Mägdlein? Selbst wenn es immer noch gefährlich wäre, sich im Salzburger Land offen sehen zu lassen, so war doch die Grenze nahe und leicht zu erreichen. Ein starker Mann wie er fand wohl überall Arbeit und Brot für sich und die Seinen.

Tag und Nacht bewegte er solche Gedanken in seinem Herzen, und war oft nahe daran, zu sagen: „Kommt, laßt uns in Gottes Namen aufbrechen in dieser schönen, warmen Sommerzeit und wieder unter Menschen gehen.“ Aber plötzlich überfiel ihn die finstere Scheu, die in den vier langen Kerkerjahren in seine Seele gezogen, und er konnte das Wort nicht aussprechen. Ach, er meinte, draußen müsse ihm jeder ansehen, wie man ihn damals niedergeworfen, wie einen Hund gepeitscht und grausam gemartert hatte!

Der Sommer verging, und das entscheidende Wort war nicht ausgesprochen worden. Es fing zeitig an, rauh und kalt zu werden; der Sturmwind schüttelte das Laub von den Bäumen und jagte düstere Wolken über den Himmel. Bleich und fröstelnd saß Frau Marie eines Abends in der Hütte, mit schwacher Hand den feinen Faden spinnend. Ännchen bereitete am Herd die Abendkost, obgleich es noch nicht die gewohnte Zeit war. Ach, Christoph war ja seit dem frühen Morgen fort; wie hungrig würde er heimkehren! Beim Dunkelwerden hatten Tobi und Friedel die Mühle geschlossen; sie wuschen sich den Mehlstaub von Gesicht und Händen und wechselten die Mahlkittel mit den warmen wollenen Jacken.