Da fuhren sie beide erschreckt zusammen; sie hatten ganz nahe im Walde einen Schuß gehört. Der Schall kam von der Schlucht her, in der der Mühlbach strömte. Friedel faßte sich schnell. „Er ist’s wohl selber“, sagte er. „Hat vielleicht dem Iltis aufgelauert, der neulich zwei Hühner totgebissen.“ Als sie aus ihrem Kämmerlein traten, kam ihnen die Frau mit dem Kinde schon entgegen, und nun fing auch der Hund an zu knurren und zu bellen, und rannte endlich in großen Sprüngen die Schlucht hinauf. Unschlüssig standen sie. Sollten sie ihm folgen? Der Talmüller konnte es gar nicht vertragen, wenn man ihn im Jagdvergnügen störte. Aber jetzt kam der Hund wieder, sprang winselnd an Friedel in die Höhe und zerrte Tobi an der Jacke.

„Er will uns holen; es ist ein Unheil geschehen“, flüsterte der kleine Mann dem Knaben zu.

„Geh’ hinein, Mutter“, bat Friedel; „der scharfe Wind tut deiner Brust weh. Gleich bringen wir dir Kunde!“

Eilig folgten sie dem aufgeregten Tier. Ach, sie hatten nicht weit zu gehen, da stand der Hund und stieß ein jämmerliches Geheul aus! Beim Mondenlicht, das eben durch die Wolken brach, sahen sie den Talmüller im hohen, halbverwelkten Waldgras liegen. Er regte sich nicht. Friedel war ganz starr vor Schreck; Tobi aber kniete bei seinem geliebten Herrn nieder und fühlte an sein Herz und seine Hände. „Es ist noch Leben in ihm“, flüsterte er. „Schöpf’ Wasser in die hohle Hand und netz’ ihm die Stirn!“

Wieder und wieder sprang der Knabe zum nahen Bach. Sie netzten ihm auch die dürren, brennenden Lippen; aber ach, als sie versuchten, ihn empor zu richten, merkten sie, daß das Blut aus der rechten Seite rieselte. „Faß an, Bub!“ gebot Tobi. „Wir müssen ihn heimtragen. Es muß gehen!“ Und es ging mit Aufbietung aller Kräfte.

Halbwegs kamen ihnen schon die Frau und das Mägdlein entgegen; sie hatten’s drinnen nimmer ausgehalten. Laut jammerte Ännchen; die Frau aber sprach nur leise: „Es mußte so kommen! O mein Christoph, Gott gebe dir nur ein seliges Ende!“

Schon auf dem kurzen Weg hatte er mehrmals schmerzlich gestöhnt; als sie ihn aufs Bett legten, schlug er die Augen auf, sah wirr um sich, hielt aber die Hand der Frau fest in der seinen.

„Es war kein Hirsch“, sprach er ganz leise und mühsam, „nur ein kleines Reh. – Es sollte das letztemal sein. – Du hast mich so oft gebeten, es zu lassen. – O sag’, hat der Heiland auch diese Sünde getragen?“

„Alle, alle Sünden hat er getragen! O, glaub’ es nur fest! O, halt’ dich nur ganz allein an ihn! Aus Gnaden nimmt er deine müde Seele in den Himmel!“

Er lächelte, und ein Freudenschein flog über das totenbleiche Antlitz; dann sank er wieder in Betäubung. Gern hätten sie ihn ausgezogen und die Wunde verbunden; doch machte ihm jede Bewegung solche Schmerzen, daß sie davon abstehen mußten. Das Blut hatte aufgehört zu fließen, aber den erstarrenden Gesichtszügen sah man an, daß das Ende ganz nahe war. Er hörte nichts mehr, hatte aber die Hände gefaltet und sprach ganz leise noch einmal den Namen „JEsus“. Dann folgte ein schwerer Kampf der starken Natur, und endlich ward es ganz stille. Betend knieten sie um das Lager her, während sich die oft so schwer gequälte Seele zu Gott emporschwang.