Nun war es vorüber! – Tobi und die Kinder weinten bitterlich; Marie aber küßte die erkaltete Stirn und sprach: „So ruhe, mein Christoph, nach deinem schweren Leben! Ich folge dir bald ins Himmelreich; denn für dich habe ich gelebt, mit dir habe ich gelitten, mit dir möchte ich auch sterben!“
Da fiel ihr das Ännchen jammernd um den Hals und bat sie gar beweglich, noch bei ihr zu bleiben. Sie liebkoste es zärtlich, erwiderte aber nichts auf die kindliche Bitte. Dann zog sie Friedel an sich und sprach: „Du bist Gottes Werkzeug gewesen, daß diese Seele zum Frieden eingehen konnte. Du brachtest uns das göttliche Buch ins Haus. Gott segne dich dafür!“
Am andern Morgen trug der Knabe die Trauerkunde zum Franzl am Stein. Der kam selbst, um den Einsamen mit Rat und Tat beizustehen. Auf der Waldwiese neben Friedels Großvater begruben sie den armen Christoph. Dann saßen sie traurig beisammen in der Hütte.
Wer mochte wohl die tödliche Kugel abgeschossen haben? War’s ein Jäger des Edelmannes gewesen oder ein Späher des Erzbischofs? Es war nutzlos, darüber zu grübeln; wer einen Wilddieb niederschoß, dem konnte man nichts anhaben.
„Mit der Talmühle ist’s nun vorbei“, sagte der Franzl. „Ihr kommt alle auf meinen Hof; ihr braucht euch ja nicht zu verstecken. Der Tobi ist nun ein freier Mann und kann hinziehen, wo er will; einen guten Zehrpfennig geb’ ich ihm gern.“
„Daraus wird nichts, Bauer!“ sprach der treue Knecht fest. „Wenn in Euerm Haus kein Raum für mich ist, leg’ ich mich zum Vieh in den Stall. Bin ja in einem Stall geboren, just wie das Christkindlein. Meine Mutter war ein elend Bettelweib! Aber wo die Frau bleibt und das Kind, da bleib’ auch ich!“
„Und sollst’s gut haben, du treuer Mensch!“ sprach Franzl gerührt. „Euch aber, Talmüllerin, sollen meine Töchter wohl pflegen, daß ihr wieder gesund werdet und neuen Mut fasset.“
Dankbar reichte ihm die Witwe die Hand, sah ihn aber mit einem Blick an, den er nicht mehr vergaß, und der ihm einen schmerzlichen Seufzer auspreßte.
Bald begann der Auszug, der nicht so schnell vonstatten ging. Mutter und Töchterlein nahm Franzl gleich mit, daß sie von ihrem Jammer ausruhen möchten. Tobi und Friedel aber machten den Weg durch den verborgenen Felsengang noch gar oft, ehe alles Vieh, und was sonst des Fortbringens wert war, auf den Steinhof geschafft war. Etliches wertlose Hausgerät ließen sie zurück; denn Tobi sagte, es könne ihn wohl einmal die Lust anwandeln, eine Weile hier zu hausen, um der alten Zeit zu gedenken.
Auch die Mühle klapperte noch fleißig, bis alles Korn gemahlen war, das die Hüttenleute liegen hatten. Sie sollten erst im nächsten Jahre erfahren, daß der Wandermüller nichts mehr holte. Als der letzte Sack mit weißem Mehl gefüllt war, nahm Tobi eine Axt und schlug das Gangwerk entzwei. Dann sprach er zu Friedel: „Komm, ich will dir was zeigen. Heute geht’s noch; morgen gibt’s vielleicht schon viel Schnee.“