Er führte ihn durch den Wald zum steilen Seeufer und zeigte ihm eine Stelle, wo ein gewandter Kletterer wohl hinabsteigen konnte. „Sieh’“, sagte er, „wer hier heruntersteigt und auf dem schmalen Streif Ufersand hingeht, kann dort drüben am niederen Ufer leicht emporklimmen und zu dem Häuslein gelangen, das du so oft gesehen hast. Es ist das letzte Haus eines großen Dorfes. Oben herum führt kein Weg ans andere Seeufer; die Felsen sind so tief zerklüftet, daß kein Mensch darüber kommt. Oft ist auch der See so hoch, daß er bis an die Felsen spült; da darfst du’s nicht versuchen. Wer weiß, wozu du’s noch brauchen kannst! Ich hätt’ dir’s längst gezeigt, aber der Christoph hat’s nicht gewollt, damit dich die Wanderlust nicht einmal übermanne. Das Dorf heißt Windeck, weil’s dem Sturm arg ausgesetzt ist.“

Nun gingen sie zurück, beteten noch einmal an den Gräbern, packten ihren letzten Kram zusammen und sagten, nicht ohne Abschiedsschmerz, dem einsamen Tal Lebewohl. Zur rechten Zeit war alles vollendet worden, denn der Winter brach nun mit Ernst herein und brachte ungewöhnlich viel Schnee.

Die Familie auf dem Steinhof hatte zur Winterszeit sehr wenig, ja fast gar keinen Verkehr mit den übrigen Talbewohnern, so daß niemand von den Gästen wußte, die dort eingekehrt waren.

Tobi und Friedel fanden sich schnell in der neuen Heimat zurecht. Tobi war, wie immer, jedermanns Knecht, tat alles, was sonst niemand gern mochte, und ward bald der Liebling der Kinder, denen er Märchen erzählte und allerlei Spielzeug schnitzte. Dagegen blieben Frau Marie und ihr Töchterlein recht still und scheu. Ihre tiefe Trauer paßte nicht in das lebhafte Getriebe des großen Haushaltes; Einsamkeit war ihnen ja zur Gewohnheit geworden.

Dazu kam, daß Maries Krankheit zunahm, als strenge Kälte eintrat und wilde Stürme das Haus umtobten. Da räumte man ihr das sogenannte Auszüglerstübel ein, das, entfernt von den großen, belebten Räumen, in einem Winkel des Hauses lag. Es war ein freundlicher, heizbarer Raum, in dessen Fenster die milden Strahlen der Wintersonne fielen. Man stellte ihr den alten Hausrat hinein, den man von der Talmühle herübergeschafft, damit sie sich recht heimisch fühle; bereitete ihr aber ein so gutes Bett, wie sie ihr Lebtag nicht gehabt.

Dort saß sie emsig spinnend, oder mit den schwachen Händen die Kleider der Hausgenossen flickend. Ännchen wäre am liebsten gar nicht von ihrer Seite gewichen, wenn sie es nicht selbst zuweilen fortgeschickt hätte, um in der Küche zu helfen, ein Spiel mit den Kindern zu machen oder ein wenig frische Luft zu schöpfen. Friedel war ein häufiger Gast im Auszüglerstübel. Dann saßen die drei zusammen wie ehemals in der Talmühle, lasen Gottes Wort, sangen die lieblichen Lieder, und redeten von vergangenen Tagen oder von frohen Zukunftsplänen.

Zu den letzteren hatte Marie nur ein stilles Lächeln, denn sie fühlte wohl, daß ihre Zukunft nicht auf Erden lag. Die Kinder aber meinten, die kräftigen Suppen, die gute Milch und der stärkende Wein, den man ihr täglich brachte, würde sie gewiß wieder gesund machen.

Bald aber kam die Zeit, da die fleißigen Hände der Talmüllerin ruhen mußten und sie nur noch selten ihr Lager verlassen konnte. Woche auf Woche verging; der Winter neigte sich zu Ende, und mit ihm schienen auch ihre Kräfte zu schwinden. Franzls erfahrener Blick sah wohl, daß hier kein Arzt helfen könnte; sonst hätte er die Kosten nicht gescheut, einen aus der Stadt holen zu lassen, sobald die Wege wieder gangbar wurden.

Eines Tages trat er ans Bett der Kranken, als sie allein war, und sprach:

„Gute Frau, der hohe Schnee, der das Tal versperrte, ist stark zusammengeschmolzen, aber noch einmal hart gefroren, so daß man wohl bis zum Kirchlein gelangen kann. Wollt Ihr, daß Euch der Priester besuche und das Sakrament reiche? Er mag denken, Ihr seid ein Gast aus dem Niederland, wo ich viel Freundschaft habe.“