„Habt Dank für Eure Sorge“, erwiderte die Frau, „aber ich wünsche es nicht. Er würde es mir doch nicht so reichen, wie es der Heiland befohlen hat.“

„Was sprecht Ihr da? Seid Ihr denn eine Ketzerin?“

„Gewiß nicht; ich bin nur eine Christin. Ich halte mich fest an das, was in diesem Buch geschrieben steht!“ Damit zog sie die Bibel, die, mit einem Tuch bedeckt, auf dem Tisch neben ihrem Bette lag, hervor und reichte sie ihm hin.

Franzl hatte keine Ehrfurcht vor seinem Priester, dessen müßiges, oft anstößiges Leben ihm ärgerlich war. Nur selten besuchte er mit den Seinen die Kirche. Es hatte ihn tief empört, als der Erzbischof eine so große Schar ehrbarer, fleißiger Leute aus dem Lande trieb um ihres Glaubens willen. Er meinte, was einer glaube, sei im Grunde einerlei; wenn er nur brav und ordentlich lebte. Darum war er auch gegen den Talmüller und gegen Friedel freundlich gewesen, obgleich sie den Pfaffen bitter feind waren. Dennoch erschrak er nicht wenig, als man ihm im eigenen Hause das Buch zeigte, das so arg verpönt und streng verboten war in der Kirche, zu der er doch noch gehörte.

„Wißt Ihr, was ich damit tun sollte?“ fragte er die bleiche Frau. „Ins Feuer sollt’ ich’s werfen; denn es stehen gefährliche Dinge darin, die zu lesen bei strenger Buße verboten ist.“

„Ihr werdet es nicht tun!“ erwiderte die Kranke ruhig. „Denn es ist Friedels Eigentum, dessen Kirche ihm sogar gebietet, es mit höchstem Fleiß zu lesen. Und wenn Ihr’s tätet, könntet Ihr mir die köstlichen Sprüche, die ich daraus gelernt, und die mir wie Leitsternlein auf meinem Todesgang leuchten, nicht aus dem Herzen reißen. Auch könntet Ihr’s nicht ändern, daß mein Christoph dadurch den Himmel fand, daß schon die beiden jungen Kinder ihren Heiland daraus kennen lernten!“

Wie fest und sicher sprach die sonst so demütige Frau! Nun hätte Franzl, der einen wißbegierigen Sinn hatte, schon längst gerne gewußt, was wohl so Gefährliches in diesem Buche stehen mochte. Und jetzt hielt er’s in der Hand!

Vielgebraucht, abgegriffen, mit allerlei wollenen Faden und kleinen Läppchen als Merkzeichen versehen, war es der größte Schatz einer Sterbenden, die in ihrem leidvollen Leben nichts als Liebe, Treue und stille Geduld bewiesen hatte!

„Nun, ich mag nicht darüber urteilen, ehe ich es kenne“, erwiderte der Alte. „Wollt Ihr mir’s manchmal ein wenig leihen? Die Zeit wird mir lang in den Wintermonaten.“

„Holt es Euch, so oft Ihr wollt; möge Gott Euer Herz öffnen! Aber am Morgen muß ich es haben; da kommt Friedel zu mir und liest mir so herrlich vor. Zum Selbstlesen fehlt mir oft die Kraft.“