Der Franzl am Stein war ein sehr braver Mann, und hatte von Jugend auf ein ehrbares, ja ein tadelloses Leben geführt. Und doch wandte sich sein Herz lange nicht so schnell dem süßen Gotteswort zu, als das von Leidenschaft durchtobte Herz des armen Talmüllers.

Zur Verwunderung der Hausgenossen saß er jetzt oft in dem warmen Winkel hinterm Kachelofen, ins Lesen eines alten Buches vertieft, das noch keiner bei ihm gesehen. Vor neugierigen Fragen war er sicher; sie hätten dem Frager nichts Gutes eingebracht bei der strengen Zucht jener Zeit und dem hohen Ansehen, in dem der Hausherr stand. Das Buch fesselte ihn unendlich, obgleich ihm keineswegs alles darin gefiel. Er war auf die Geschichten Abrahams gekommen, in denen ein großes Merkzeichen lag. Sie behagten ihm ausnehmend. Er kam sich selbst wie ein Erzvater vor, als hochgeehrtes Haupt eines großen Hausstandes, reich an Vieh und allerlei Gut. Aber warum mußte diesem frommen Manne sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet werden? Warum war gerade dieser Spruch mit einem dicken Strich bezeichnet, als sei er etwas Besonderes? War Abraham nicht schon von selbst gerecht? Ei, was war er für ein frommer Mann, Gott gehorsam bis zum Allerschwersten! Bald fand er auch die Evangelien, und las zum erstenmal in seinem langen, langen Leben die süße Botschaft vom Sünderheiland. Sehr, sehr wenig hatte er in seiner Kirche von ihm gehört und nichts so recht im Zusammenhang. Aber er merkte gleich, daß Christus in diesem Buch ganz anders abgemalt war, als ihn der Priester darstellte, wenn er ja einmal von ihm redete. Nicht als schrecklicher Richter, nicht als unnahbarer Himmelskönig trat jetzt der Gottessohn vor seine Seele, sondern als milder Freund der Kranken, Schwachen, Armen und Kleinen, besonders als Freund der Sünder! – Aber dieses so trostreiche Bild, das den wilden Christoph sogleich mächtig angezogen, stieß den tugendhaften, im ganzen Tale hochgeehrten Franzl ab. Ein Sünder war er doch gewißlich nicht! Er hatte von Jugend auf ehrbar, fleißig und gottesfürchtig gelebt; was er etwa versehen, das war ja reichlich gesühnt durch manche Widerwärtigkeit, die ihm begegnet, und gutgemacht durch die vielen Wohltaten, die er nicht nur seinen Glaubensgenossen, sondern allen Armen und Bedrängten erwiesen, die ihm in den Weg kamen. Und doch mußte er immer von neuem lesen und nachdenken; er konnte nicht anders!

Zuweilen setzte er sich ans Bett der kranken Frau, um mit ihr über das Gelesene zu sprechen. Aber er konnte nicht mit ihr fühlen. Sie war ihr Lebtag arm, verachtet, von Trübsal heimgesucht gewesen; er dagegen angesehen und von Wohlstand umgeben. Dennoch bewunderte er die Ruhe, die Freudigkeit, mit der sie ihr Leiden trug und dem Tode ohne alle Furcht entgegensah.

In großer Schwachheit und quälender Atemnot lebte sie bis zum März. Dem strengen Winter war ein zeitiges, schönes Frühjahr gefolgt. Der Schnee war längst geschmolzen. Sonnenschein und warmer Wind hatten das Erdreich getrocknet; schon dufteten die ersten Märzveilchen am Bette der Kranken. Friedel hatte sie ihr gebracht. Sie verlangte, allein mit ihm zu sprechen, und er beugte sich über sie.

„Mein Sohn“, sprach sie mit leiser Stimme, „öffne dort meinen Kasten. Ganz unten wirst du einen Beutel mit Geld finden, der ist dein Eigentum. Wir fanden ihn damals in deines Großvaters Bündel und verwahrten ihn gleich für dich. Nun soll es dein Wanderpfennig sein.“

Mit leichter Mühe fand der Knabe den Beutel. „O Mutter“, sprach er, „wie unendlich viel habt Ihr für mich getan, mich armen Fremdling jahrelang gespeist und getränkt, und gar noch das Geld für mich bewahrt! Wie soll ich Euch danken?“

„Du hast uns reichlich gedankt durch Liebe und Treue und durch das teure Bibelbuch. Und nun bitt’ ich dich: Laß es dem Ännchen, wenn du wanderst! Aber versprich mir, daß du dir ein neues kaufst, sobald du in ein evangelisch Land kommst.“

„Ich verspreche es, Mutter“, erwiderte Friedel mit tiefem Ernst. „Keinem würd’ ich das Buch lassen, aber dem Ännchen laß ich es gern; fürs Ännchen laß ich auch mein Leben!“ Dann kniete er am Bett nieder und bat: „O Mutter, höre mich an und verstehe mich recht! Ich hab’ was auf dem Herzen. Aber erst sag’: Mußt du denn wirklich sterben?“

„Ja, mein Kind! Gott ruft mich, und ich folge mit Freuden, wenn auch mit schwerer Sorge um mein Ännchen.“

„Ach“, seufzte der Knabe, „ich sollte wohl hierbleiben und das Ännchen schützen, und ich kann doch nicht! Ich muß fort; ich muß zu meines Glaubens Genossen! Es zieht mich mit aller Macht zu ihnen. Und sieh, Mutter, zwischen mir und dem Ännchen ist’s nicht mehr wie ehedem. Es läßt sich nicht mehr zur Gutenacht küssen wie in der Talmühle; es setzt sich nicht mehr neben mich, wenn wir uns um den Herd sammeln. Und doch fühl’ ich, o Mutter, ich fühl’ es so heiß, daß ich das Ännchen immer, immer liebhaben muß mein Leben lang! Darum will ich dich leise, ganz leise was fragen.“