„Nicht einmal, zehnmal sollst du ihn sehen, wenn du mit mir gehst.“

„Dann will ich in Gottes Namen!“

Am andern Tag mußte er sich sauber waschen und kämmen, seine Sonntagsjacke anziehen und den Wanderkittel im Ranzen tragen. Kaum war’s geschehen, so erklang auch schon ein Posthorn, und der schwerfällige Wagen, auf den der gnädige Herr gewartet, hielt vor dem Hause. Friedel mußte in einem kleinen Kasten, der hinten angebracht war, Platz nehmen, und fort ging’s, dem langersehnten Ziele zu. Nicht allzu geschwind! Die damaligen Postwagen waren gar ungeschickte, meist federlose Dinger, und das Fahren darin keineswegs ein Vergnügen. Das spürte auch Friedel in seinem engen Käfig gar bald, war aber dennoch guter Dinge. Nach ein paar Tagen erreichte man die letzte Station vor Berlin. Ehe der Herr, dem der Wein heute besonders gut geschmeckt hatte, wieder in den Wagen stieg, warf er dem Friedel ein blankes Silberstück hin und rief:

„Hier, Bursch, hast du derweil ein Handgeld.“

„Laßt’s doch sein, Herr“, sprach der Diener, „bis meine Zeit aus ist.“

„Unsinn! Das tät zu lang dauern.“

„Na“, dachte Friedel, „wenn ich den König sehen will, möcht’ ich mir neue Schuhe kaufen; der Herr hat wohl gesehen, daß meine nicht viel mehr taugen.“

Bald war’s zu merken, daß man sich der für damalige Begriffe schon großen Stadt immer mehr näherte. Es war ein herrlicher Herbsttag; kein Wölkchen am Himmel. Die Felder waren schon fast abgeleert, aber die Obstgärten prangten im Schmuck der rotwangigen Äpfel und goldgelben Birnen; die Wiesen im letzten frischen Grün. Viele Menschen spazierten draußen herum, sich an der milden Luft zu erquicken. Vergnügt blickte Friedel in das fröhliche Leben; sein Herz klopfte in freudiger Erwartung. Nun mußte er ja bald sichere Kunde erhalten, wo sich seine Volksgenossen hingewendet. Jetzt rumpelte der Postwagen langsam an einem weiten Platz vorüber, auf dem Soldaten exerzierten. So oft der Wandersmann früher so etwas gesehen, hatte er so schnell als möglich Reißaus genommen; heute durfte er’s wohl gemütlich betrachten.

Aber, o Schrecken, wie ging’s da her! Wenn einer beim Franzl am Stein das Vieh so angebrüllt, mit Füßen getreten und mit Fäusten geschlagen hätte, wie hier die Korporale die armen Soldaten, wär’s ihm schlecht ergangen. „O wie gut ist’s, daß ich keinem Werber begegnet bin!“ dachte Friedel und war froh, als sie vorüber waren.

Nun ging’s zum Tor herein in die Stadt, und bald hielt der Wagen vor einem Posthause. Da standen zwei Männer, die schon auf den Herrn gewartet hatten. „Bringt Ihr ein paar?“ hörte er sie fragen. „Nur einen, aber einen Prachtkerl!“ war die halblaute Antwort.