„Weil ich dir an den Augen ansehe, daß du besserer Art bist als andere, und weil du beten kannst. Nenne mich Johannes und sage du; laß uns Freunde sein! Wir werden Zeit genug finden, einander die Herzen auszuschütten; jetzt mußt du ruhen. Ich will uns eine Suppe holen und dein Kommißbrot; du bist ganz erschöpft.“

Als der arme Bursche am späten Abend endlich die müden Augen schloß, bewegten sich seine Lippen noch zu einem innigen Dankgebet, daß ihm Gott in der Gestalt des neuen Freundes, der still und ernst an seinem Bette saß, einen Schutzengel zugesellt hatte.

Am nächsten Tage ward der Rekrut in die Rüstungskammer geführt und in die enge, knappanliegende Uniform gekleidet. Sie kam ihm vor wie eine Zwangsjacke, und er hätte sie am liebsten gleich wieder vom Leibe gerissen. Am verhaßtesten war’s ihm, daß sein schönes lichtbraunes Haar, auf das er ein wenig eitel gewesen, in einen garstigen Zopf gedreht wurde, der, künstlich verlängert, über den Rücken herunterbaumelte. So umgewandelt führte man ihn mit mehreren Schicksalsgenossen in eine weite Halle, wo ihnen ein Offizier etwas sehr Langes vorlas, wovon Friedel fast gar nichts verstand. Johannes sagte ihm später, es seien die Kriegsartikel gewesen; das machte ihn auch nicht viel klüger. Nun wurden ein paar große Fahnen hereingebracht, die mußten alle umfassen und einige Worte nachsprechen, die ihnen der Offizier vorsagte. Da aber dem Salzburger die schnarrende Sprechweise des ungeduldigen Herrn fast unverständlich war, bewegte er nur den Mund, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das war der Fahneneid, der den armen Jungen auf Lebenszeit an einen Beruf fesseln sollte, der ihm zuwider war und zu dem man ihn durch schändlichen Betrug gezwungen!

Der Adel, aus dem damals allein die Offizierstellen besetzt wurden, war mit wenigen Ausnahmen roh, übermütig, leichtfertig und stolz. Da war’s kein Wunder, daß es den armen Burschen, die auf dem Exerzierplatz ganz in die Gewalt solch hochnäsiger, grober Junker gegeben waren, herzlich schlecht erging. Das mußte auch Friedel reichlich erfahren; und es kostete dem treuen Johannes unendliche Mühe, ihn zu überzeugen, daß er sich Schimpfworte, Püffe, Fußtritte und Stockschläge gefallen lassen müsse, ohne ein Wort des Widerspruchs. Immerhin war für den gewandten, verständigen Burschen die allerschlimmste Zeit bald überstanden; und als es zu den Schießübungen kam, erntete er sogar zuweilen ein Wort des Lobes. Obgleich aber die Ausbrüche bitteren Jammers und ohnmächtigen Zornes allmählich seltener wurden, versöhnte er sich doch nie mit seinem Schicksal; nein, nicht einen Augenblick! Zahllos waren die Fluchtpläne, die er für sich und den Freund schmiedete, die aber nie zur Ausführung gelangten, da sich überall unübersteigliche Hindernisse entgegenstellten.

Vielleicht war es gut, daß die Rekruten, besonders im ersten Jahre, nur wenig Zeit hatten, über ihr Schicksal nachzudenken. Das Drillen und Üben nahm gar kein Ende, und wenn’s überstanden war, gab’s in der trübseligen Stube zu waschen und zu putzen, damit am nächsten Tage nicht etwa ein Schmutzflecken an den weißen Gamaschen oder ein blind gewordener Knopf den Zorn des Korporals reizte. War endlich ein freies Stündchen, so suchten nicht wenige die Branntweinschenken auf, um in rohem Scherz ihr Elend zu vergessen; andere beschäftigten sich mit allerlei Handarbeiten oder Tagelöhnerdiensten, um einige Groschen zu erwerben, da der Sold so knapp war, daß er kaum zum Nötigsten reichte. Johannes, der eine schöne Handschrift schrieb, saß an den langen Winterabenden meist über Rechnungen und Briefen, die ihm ein Kaufmann zum Abschreiben übergab. Friedel aber suchte die Schnitzkunst wieder hervor, die er bei Tobi gelernt hatte; seine Löffel, Becher und Schüsseln wurden von den Kameraden gern gekauft.

Nach und nach ward er ruhiger und lernte sein Schicksal männlich und gefaßt ertragen wie der Freund. Zu solcher Zeit erzählten sie einander aus vergangenen Tagen; ach, es klang wie aus einer andern, lieblich heiteren Welt! Friedel vertraute dem Freunde sehr bald seine wunderbaren Schicksale an; ja, er verschwieg ihm sogar seine innige Liebe zu Ännchen nicht, die ihm jetzt im Unglück erst recht zum Bewußtsein kam. Aber wie erschrak er, als Johannes das Antlitz in die Hände verbarg, schmerzlich seufzte und endlich in heiße Tränen ausbrach! Nach der Ursache zu fragen, wagte er nicht. Seine Ehrfurcht vor dem ernsten Freund war ebenso groß wie seine Liebe zu ihm. Bald beruhigte sich dieser und begann:

„Von deinen Salzburgern kann ich dir etwas mitteilen. Mein lieber Vater, der ein Prediger ist, nahm großen Anteil an ihrem Schicksal; ja, ich erinnere mich selbst noch wohl, daß eine kleine Schar durch unser Dorf zog, wo wir etliche in unserm Hause beherbergten. Auch über das Schicksal derer, die nach Amerika auswanderten, erhielt mein Vater Nachricht. Sie haben im Staate Georgia eine neue Heimat gefunden.“

„Ist das weit?“ unterbrach Friedel mit glänzenden Augen. „Könnten wir nicht dorthin entfliehen? Aufs Meer würden sie uns nicht so schnell folgen.“

„Armer Junge! Du würdest eingeholt werden, lange, ehe du das Meer erreichtest. Auch in den Häfen sind Spione! Ach, es ist sehr, sehr weit! Wart’, ich will dir’s zeigen.“

Er brachte aus seinem Kasten ein breites dünnes Buch hervor mit seltsamen Bildern, wie sie Friedel noch nie gesehen; es waren Landkarten. Nur zu bald merkte Johannes, wie kindlich und mangelhaft des Freundes Vorstellungen von Gestalt und Größe der Erde, von den Entfernungen zwischen den Ländern und Meeren waren. Mit Staunen hörte Friedel auf die Wunderdinge, die er ihm davon erzählte, und es entspann sich daraus ein Unterricht, der für beide gleich genußbringend war.