Auch im Schreiben übte sich der Jüngere unter Aufsicht des gelehrten Genossen und verfaßte mit vieler Mühe, oft unterbrochen durch heißes Weinen, einen langen Brief an den Franzl am Stein, worin er die traurige Wendung seines Geschickes berichtete. Was er ganz am Rande für Ännchen hinzufügte, brauchte der Freund nicht zu lesen, begehrte es auch nicht.
So wurden die beiden je länger je mehr ein Herz und eine Seele. Nur in einem blieben sie verschieden. Friedel gab nie, nein, keine Stunde lang, die Hoffnung auf, daß Gott ihn noch hienieden aus dem schweren Joch erlösen und in die Heimat zurückführen werde. Bat er ihn doch täglich so heiß, so inbrünstig darum! Johannes dagegen hatte alle irdischen Hoffnungen aufgegeben, sehnte sich aber desto mehr nach der Stunde, da seine befreite Seele aufschweben würde zur ewigen Freude.
Friedel ward trotz der schmalen Kost, trotz des bitteren Herzwehes immer kräftiger und abgehärteter. Johannes aber brach oft, wenn die anstrengenden Übungen vorüber waren, ganz kraftlos zusammen, war auch nicht selten krank, so daß er einige Tage das Bett hüten mußte. Dann pflegte ihn der Freund so gut er konnte und sparte sich den mühsam verdienten Groschen ab, um ihm eine Erquickung zu bereiten. An solchen Tagen mußte er ihm auch oft aus der Bibel vorlesen, und meist Stellen, die von der Seligkeit des Himmels handelten. Tiefbewegt hatte der Kranke einst zugehört, dann sprach er:
„Du guter Kamerad hast mir so freimütig alle deine Schicksale erzählt und mich so tief in dein liebreiches Herz blicken lassen. Da wird es Zeit, daß ich auch offen gegen dich bin. Ich weiß, du kannst nicht begreifen, daß ich auf Erden nichts mehr hoffe, und mich, o wie sehr! nach dem Himmel sehne. Aber denke nicht, daß mein armes, schwaches Herz so ganz allein am Heiland hängt. Wohl glaube ich aufrichtig an ihn und sehne mich nach ihm von ganzem Herzen. Aber wenn ich mir ihn vorstelle, zur Rechten Gottes sitzend in seiner Herrlichkeit, dann sieht mein geistiges Auge unter den Seligen, die seinen Thron umgeben, eine zarte verklärte, ach so unendlich geliebte Gestalt, in deren Lobgesang ich so gern noch heute einstimmen möchte.“
„Ist’s etwa ein liebes frühverstorbenes Schwesterlein?“ fragte Friedel leise.
„Nein, o nein; es ist Luise, meine teure, holde Braut!“ Er verbarg das Antlitz ins Kissen und schwieg lange. Dann fuhr er ruhiger fort: „Meine Trauer um sie ist selbstsüchtig. Ihr ist wohl geschehen; denn o, wie würde sie sich grämen, wenn sie leben müßte, hoffnungslos getrennt von mir! Ach, wir liebten uns so sehr! Bald sollte Hochzeit sein. Ich sollte dem alternden Vater im Amte helfen, begleitete aber erst einen Freund auf einer Reise und fiel auf dem Heimweg in die Hände der Werber. Ach, man hatte mich gewarnt! Auch wäre ich wohl alt genug gewesen, um vorsichtig zu sein; aber träumerisches, unpraktisches Wesen hing mir von klein auf an.“
„Wie kam es, daß sie so bald sterben mußte?“ fragte Friedel mitleidig.
„Sie war von zarter Gesundheit und hatte eben ein Fieber überstanden, als sie durch unvorsichtiges Geschwätz einer Magd plötzlich und unvorbereitet mein Unglück erfuhr. Sie sank in tiefe Ohnmacht; ein Rückfall trat ein, und nach wenig Tagen brach das treue Herz. Verstehst du nun, warum ich kein irdisches Glück mehr hoffe?“
Satt aller Antwort schlang Friedel weinend die Arme um den Hals des Freundes und küßte ihn; von da an waren sie erst recht wie Brüder.