„Hu, ’s war schauerlich da unten.“

„Freilich! Aber dort waren sie ganz sicher vor des Erzbischofs Lauschern, die immer aufpassen, was wir tun. Da haben wir alle gebetet und einander die Hand gereicht, und feierlich geschworen, dem rechten Glauben treu zu bleiben bis zum Tode.“

„War mein Pate Rudi auch dabei?“

„Gewiß; er ist ja der Älteste unserer Gemeinde. – Du bist ein junges Kind und begreifst noch wenig. Aber sag’, willst du denn nun recht fleißig lernen und alles zu Herzen nehmen, und fest dabei bleiben, was auch kommen möge?“

„Ich will, Großvater! Gewiß, ich will! Aber jetzt bin ich so müd’ und möcht’ schlafen gehen. Wir haben heute wacker geschafft.“

„So komm, ruf’ die Ziegen; laß uns hineingehen, beten und in Gottes Schutz ruhen.“ –

In den nächsten Tagen und Wochen blickte der Knabe oft ängstlich nach dem Städtchen herab, ob etwa jemand kommen werde, um ihm und dem Großvater den rechten Glauben wegzunehmen. Wie das geschehen sollte, war ihm nicht recht klar; doch ballte er tapfer die derben Fäuste und meinte, er wolle sich schon tüchtig wehren.

Da aber nichts dergleichen geschah, schlug er sich’s bald aus dem Sinn und ward wieder leichtherzig wie zuvor. Der Großvater behandelte ihn liebreicher als je, hielt ihn aber streng zur Arbeit und ließ ihn nie mehr allein in die Stadt laufen, um allerlei zu besorgen, wie sonst wohl geschehen war. –

Der Sommer schied; der Herbst schüttelte das Laub von den Bäumen, und endlich tanzten die ersten Schneeflocken in der Luft. Bald war’s aus mit der Arbeit im Freien. Nun mußte sich der Wildfang wieder fleißig im Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und der Großvater suchte ihm mit viel Geduld und Weisheit die Hauptlehren des Christentums ins Herz zu prägen. Der Knabe lernte willig und sammelte in dieser Zeit einen Schatz köstlicher Bibelsprüche, deren Verständnis ihm erst später aufging; und die herrlichen Lieder, die er mit dem Großvater sang, begleiteten ihn wie Trostengel durchs ganze Leben.

In diesem friedlichen, aber doch einförmigen Winterleben waren die Sonntage rechte Lichtblicke, die man mit Freuden begrüßte. Da wanderten die beiden zusammen zum lieben Kirchlein und blieben dann über Mittag bei dem Paten Rudi, wo es stets etwas Gutes zu essen gab. Unendlich viel Schönes war beim Paten Rudi zu sehen. Seine große, helle Stube hatte buntgemalte Wände, an denen allerlei Bilder hingen. Schrank und Truhe waren glänzend poliert und mit Silber beschlagen. Aus der großen Wanduhr trat beim Stundenschlag ein possierliches Männlein hervor und machte einen Diener. An dem Kachelofen konnte man die ganze Geschichte des Erzvaters Abraham betrachten. Das Beste aber war ein dickes Buch mit vielen seltsamen Holzschnitten; eine unversiegbare Freude für den lebhaften Knaben. Da gab es Ritter mit Schwert und Schild, Könige mit Krone und Zepter, Löwen, Elefanten und Affen, ja, sogar große Segelschiffe und schwarze Menschen. War die lebhafte Einbildungskraft des Knaben durch das Betrachten dieser Wunderdinge angeregt, so schlüpfte er gern hinaus in die kleine ziemlich düstere Küche, wo die alte Magd Zenzi spinnend oder strickend am Herdfeuer saß. „Zenzi, ein Märlein!“ bat er dann, sich auf den Schemel ihr zu Füßen setzend. „Weiß keins mehr“, brummte sie regelmäßig, fing aber doch bald an zu erzählen, denn ihr Schatz an Märchen, Sagen und Abenteuern war unerschöpflich.