„Hier nicht; hier bin ich sicher. Tobi wird dir alles erzählen. O Gott, wie gnädig bist du, daß du mir den Treuen sandtest, nun, da ich ganz heimatlos bin! Dir wollen wir dienen, dir wollen wir danken unser Leben lang!“

Nun trat auch Tobi hinzu, und sie führten den Gast in die verödete Stube, die jedoch sauber und rein war. Schnell ward auf dem Herd ein helles Feuer entzündet und der Suppenkessel darüber gehängt. Auf zwei Schemeln und einem alten Kasten saßen die drei um die Flamme und sprachen gar wenig. Die Freude des Wiedersehens war allzu groß!

Der Wanderer nahm ein sorgfältig eingehülltes Päckchen aus der Brusttasche, das den Ring und das verblichene Seidentüchlein enthielt, das er am ersten Tage seiner Wanderschaft gekauft. „Meine Treue wankt nie!“ sprach er leise, während er den Ring an Ännchens Finger steckte und das Tüchlein um ihren Hals schlang. „Aber wenn meine Hoffnung wanken wollte, blickte ich diese Gaben an. Ich wußte, daß ich sie dir bringen würde!“

Daß eine schwere Gefahr diese beiden in diesen Zufluchtsort getrieben hatte, merkte Friedel gar wohl. Oft hielt sich Ännchen wie hilfesuchend an seinen Arm, und ihre schönen Augen blickten angstvoll ins Weite.

Als aber die Abendsuppe fertig war, und die beiden jungen Leute zusammen aus dem Kessel aßen, während Tobi in Ermangelung eines dritten Löffels aus einem hölzernen Schüsselchen trank und große Stücke Schwarzbrot dazu verzehrte, ward die Stimmung etwas freier, und die Zungen lösten sich allmählich.

Nur in kurzen Zügen berichtete Friedel für heute seine Schicksale und fragte dringend, warum man seinen langen Brief ohne Antwort gelassen. Ach, er war nie in die Hände der Freunde gekommen! Die Nachricht aus der sächsischen Mühle war das Letzte gewesen, das man von ihm erhielt. Die Post war ja zu jener Zeit keineswegs so sicher wie in unsern Tagen. Manche Postkutsche ward von Wegelagerern überfallen und ausgeraubt; manche stürzte auf den bodenlosen Straßen um, so daß der Inhalt durch Wasser oder Kot schwer beschädigt wurde.

Als nun ein Jahr ums andere verflossen war, ohne Kunde von dem Wanderer zu bringen, hatten ihn die wohlgesinnten Bewohner des Steinhofs für tot gehalten. Peter aber hatte gemeint, es werde ihm wohl draußen so gut gehen, daß er der alten Freunde nimmer gedenke. Es gäbe noch mehr hübsche Mägdlein in der Welt als die verlassene Waisendirne. Solche Worte schnitten zwar Ännchen bitter ins Herz, aber Glauben schenkte sie ihnen keinen Augenblick. Nach und nach erst war sie sich ihrer innigen Liebe zu dem Verschollenen recht bewußt geworden. Nun aber hoffte sie zuversichtlich auf seine Rückkehr und saß am Feierabend gar oft auf der Felsplatte, um nach ihm auszuschauen. Endlich mußte er kommen, das sagte ihr eine innere Stimme, die nicht trügen konnte.

Unter solchen Gesprächen war es spät geworden. Die drei Einsamen beteten laut miteinander den Psalm vom guten Hirten, der auch im finsteren Tale bei ihnen war, und suchten ihr Lager auf. Für Tobi und Friedel lag eine Schicht Heu in der Ecke der Stube; Ännchen hatte im Kämmerlein eine etwas bessere Ruhestätte. Trotz der hohen Erregung seines Gemütes sank der Jüngling fast augenblicklich in festen Schlaf, und liebliche Träume umspielten sein dürftiges Lager.

Am nächsten Morgen aber war er zeitig munter und schlüpfte geräuschlos hinaus zu Tobi, der eben eine schöne weiße Ziege molk. Am klaren, sprudelnden Mühlbach wuschen sie sich und gingen dann in taufrischer Morgenluft unter den Bäumen auf und nieder. Tobi konnte sich nicht satt sehen an der hohen, stattlichen Gestalt seines Schützlings, der schweigsam und nachdenklich neben ihm her schritt.

„Darfst du mir nun sagen, warum du mit dem holden Kinde in dieser Einsamkeit hausest?“ fragte er endlich.