„Gewiß! Viel, viel hat sich auf dem Steinhof verändert; aber dieses sollst du zuerst erfahren. Daß du kein Wort davon zu Ännchen reden darfst, wird dir dein eigen Herz sagen. Du siehst ja, wie lieblich sie ist. Ach, andere sahen es auch, aber mit bösen, lüsternen Blicken! Auf dem Schlößlein oben am Ausgang des Tales geht’s jetzt lebhaft zu. Der alte Edelmann hat es seinem Sohne geschenkt, und der hält Hof in Saus und Braus, säuft sich voll mit wilden Gefährten, schindet die Bauern, zertrampelt die Saat mit Rossen und Jagdhunden, und was so edle Vergnügungen mehr sind. Wirst’s ja draußen in der Welt gesehen haben, wie’s die Junker treiben! Ännchen ging selten mit aufs Feld; ja, sie verließ in letzter Zeit kaum das Haus, weil sie den Franzl pflegte, der schon lange schwach und elend zu Bett liegt. Es ist etwa zehn Tage her, da klagte er über heftige Schmerzen in den Gliedern, und das Kind lief eilend auf die Wiesen, um heilsame Kräuter zu lindernden Umschlägen zu suchen. Wie sie nun gebückt am Waldesrand hingeht und emsig in die Schürze sammelt, steht plötzlich der Junker vor ihr. Ein schöner Bursch ist er und aufgeputzt mit Samt und Seide, daß es eine Art hat. Was er zu ihr gesagt, weiß kein Mensch; sie brach in Tränen aus, als wir sie danach fragten. Den Arm wollte er um sie schlingen; da flog sie davon wie ein Reh und fiel ohnmächtig nieder, als sie den Hof erreichte. Aber sie war auch dort nicht sicher! Zum Glück saß sie im Auszugstübel beim Alten, als am zweiten Tage der wüste Junker auf den Hof kam und fragte, wo die nette Dirne sei, die letzthin Kräuter gesucht. Er wolle sie haben in die Schloßküche.“

„Wo ist der Bösewicht?“ rief Friedel ganz außer sich. „Zerdrücken will ich ihn wie einen Wurm!“

„Sei kein Tor!“ mahnte Tobi. „‚Die Rache ist mein, ich will vergelten!‘ spricht der HErr. – Gut war’s, daß Albrecht, der brave älteste Sohn des Franzl, allein auf dem Hofe war, und nicht etwa der mißgünstige Peter, der das arme Kind schon lange scheel ansieht. ‚Sie war aus dem Niederland, wo wir Freundschaft haben‘, erwiderte Albrecht; ‚ist aber gestern in aller Frühe abgereist. Es gefiel ihr nimmer hier.‘ Der schlechte Mensch sah ihn mit bösem Blicke an, als glaube er ihm nicht recht, und ging mit drohender Gebärde von dannen. Nun riet der Franzl, ich solle mit dem Kinde auf eine Zeitlang weiter hinauf ins Gebirge ziehen; einen guten Zehrpfennig wolle er uns mitgeben, und Arbeit und Obdach würden wir bald finden. Ännchen sei ja so wunderklug und geschickt zu jedem Geschäft. Hierbleiben dürfe es für jetzt nicht. Da hat es aber gebeten und gefleht, man solle es nur noch zehn Tage lang hier in der alten Mühle auf dich warten lassen; du würdest nun ganz gewiß kommen. Niemand hat’s geglaubt, auch ich nicht; aber Franzl sprach: ‚Tu ihr den Willen! Gott kann wohl ihre Zuversicht lohnen.‘ Und so ist’s geschehen! ’s ist heute just der zehnte Tag, seit ich mit ihr, der Ziege und einem Sack voll Mundvorrat hierher kam durch den Felsengang. Der ist nicht mehr so sicher und bequem; allerlei Steingeröll hat sich abgelöst und versperrt oft den Weg fast ganz. Vor dem Ausgang auf den Hof haben wir, bald nachdem du fort warst, Fliederbüsche angepflanzt, die ihn jetzt verbergen. In den ganzen sechs Jahren ist niemand durchgegangen als ich von Zeit zu Zeit. Ich wollte hier nicht alles verwildern lassen. Und wenn’s Streit und Zank gab auf dem Hofe, bin ich manches Mal hierher entwichen, um Ruhe zu haben.“

„Streit und Zank?“ fragte Friedel. „Das gab’s sonst nicht.“

„Aber jetzt! Dein Buch hat’s gemacht! Wirst’s merken, wenn du hinkommst.“

„Gott geb’ nur, daß mir der Junker nicht begegnet! O, wenn ich ihn hier unter der Faust hätte!“

„Sei ruhig! Sieh, dort steht Ännchen an der Tür und winkt uns zur Morgensuppe.“

Ja, Friedel hatte draußen in der Welt genug gehört von dem gottlosen Tun und Treiben der Junker, um zu wissen, daß er sein Ännchen sobald als möglich fortführen müsse. Wie sollte er’s machen, da er ja blutarm war? Nun, der Franzl war ein kluger Mann, der würde ihm das Beste raten. Als die drei zusammen die lieben Gräber besucht hatten, machte er sich allein auf den beschwerlichen Weg durch den Felsengang.

Groß war das Erstaunen der Leute auf dem Steinhofe, als der Verschollene frisch und munter vor ihnen stand. Man hatte ihn längst für tot gehalten. Von Albrechts Familie ward er aufs freundlichste empfangen, während ihn Peter mit unverhohlenem Widerwillen ansah. Es konnte nicht lange verborgen bleiben, daß er ebenso arm heimgekehrt sei, als er gegangen war, und Peter fragte mit spöttischem Lachen:

„Wo steht denn nun die prächtige Mühle, wohin du die Betteldirne führen willst? Wohl im Schlaraffenland, wo’s Semmeln schneit und Würste regnet? In des Edelmanns Küche hätte sie’s vielleicht besser bekommen.“