Blutrot im Gesicht sprang Friedel empor und ballte die kräftige Faust; aber Albrecht hielt ihn fest und warnte: „Kein Kampf in unsers Vaters Haus! Höre nicht auf ihn. Komm zum Vater; da ist Friede!“

Im Auszugstübchen, in demselben Bett, wo Ännchens Mutter selig gestorben, lag der ehemals so starke, tatkräftige Mann hilflos wie ein Kind. Die Beine waren durch die Gicht gelähmt, die Hände schwach und zitternd; nur der Geist war noch frisch und ungeschwächt. Lang und silberweiß umgaben Haar und Bart das abgemagerte, friedvolle Antlitz des Greises. Der selbstbewußte, etwas strenge Ausdruck war ganz daraus gewichen.

Sein Staunen über Friedels plötzliche Ankunft war nicht so groß, wie man gedacht hatte; eine innere Stimme mochte ihm gesagt haben, daß der allmächtige Gott das Vertrauen des Mägdleins in Gnaden lohnen werde.

Der Wanderer hatte viel mit dem Kranken zu sprechen von Vergangenheit und Zukunft und verweilte mehrere Tage auf dem Hofe. Teils durch Albrecht, teils durch Franzl selbst erfuhr er, daß es hier im kleinen so gegangen sei, wie’s allezeit in der Welt im großen geht. Der alte Hausherr hatte nach manch schwerem inneren Kampfe das Heil seiner Seele in Friedels Buch gefunden. Seine eigene Tugend war ihm mehr und mehr als ein unflätig Kleid erschienen, das er gern abwarf, um sich mit der reinen Seide der Gerechtigkeit Christi zu schmücken. Albrecht war ihm mit Weib und Kind auf diesem Himmelswege gefolgt, während Peter mit den Seinen sich verächtlich davon abwandte. Zwiespalt und Streit war durch ihn entstanden; ja, er hatte sogar gedroht, das Buch dem Priester zu bringen und die Hausgenossen als Ketzer zu verklagen. Die Ehrfurcht vor dem Vater hatte ihn wohl bisher abgehalten, diese Drohung auszuführen; was er aber tun würde, wenn dieser die Augen schloß, konnte niemand wissen. Darum hatte Albrecht den Entschluß gefaßt, nach des Vaters Tode dem Bruder den Hof zu überlassen und mit Weib und Kind in die Augsburger Gegend zu ziehen, wo es evangelische Gemeinden gab.

Am dritten Tage saß Friedel am Bett des Alten und sprach mit ihm von der weiten Land- und Seefahrt, die er antreten wollte. Mit Staunen vernahm Franzl, wie unermeßlich groß die Entfernung und wie gefahrvoll die Reise sei.

„Hast du denn auch Geld in der Tasche, mein Sohn?“ fragte er endlich.

„Sehr wenig. Ich verdiente etwas in Passau; auch gab mir der Pfarrer ein Zehrgeld. Tobi hat auch seit Jahren alles aufgespart, was Ihr ihm etwa an Festtagen schenktet. Es ist ein straffes Beutelchen. Wenn wir uns als Schiffsknechte vermieten, kommen wir wohl den Rhein herab, vielleicht auch bis England. Dort aber gibt’s gute Leute, die sich lutherischer Auswanderer annehmen, besonders der Salzburger. Das sagte mir mein Johannes und auch der Pfarrer.“

„Und Ännchen?“ fragte Franzl lächelnd. „Soll sie auch als Schiffsknecht arbeiten?“

„O, für Ännchen sorgt Gott gewiß!“ rief Friedel. „Es darf keinen Mangel leiden.“

„Da hast du recht! Aber Gott sorgt oft durch Menschenhand. Du weißt wohl kaum, wieviel man bedarf für eine solche Reise. Rufe mir doch den Albrecht her, wenn er daheim ist.“