So verging das Jahr 1731 bis zum Herbst in großer Sorge und Unruhe. Viele, viele schmachteten im Gefängnis. Andern hatte man Hab und Gut genommen; und endlich erließ der grausame Erzbischof den Befehl, daß alle, die sich nicht zum Papsttum bekehren wollten, binnen wenig Wochen aus dem Lande weichen müßten. Der Winter, der in jener Gebirgsgegend viel Schnee und Eis bringt, war dicht vor der Tür, aber das kümmerte den Erbarmungslosen nicht. Jammer und Herzeleid herrschte in den Häusern der Frommen; doch trösteten sie einander mit Gottes Wort und rüsteten mutig und ergeben zum Auszug. Von den Gefangenen waren nicht wenige in den feuchten Kerkern gestorben; die übrigen ließ man nun frei, damit sie, matt, krank und bleich, die beschwerliche Wanderung antreten möchten.
Aber noch war des Bischofs unersättlicher Haß nicht befriedigt. Er ersann eine Qual für die Armen, die man wohl teuflisch nennen kann. Er ließ vielen, besonders den Vornehmen und den eifrigsten Bekennern, ihre Kinder wegnehmen, um sie in Klöstern erziehen zu lassen. Was da für Jammer und Wehklagen aus den Elternherzen zu Gott emporgestiegen sein mag, ist nicht auszudenken!
Der alte Andreas wußte noch nichts von diesem letzten Anschlag des Tyrannen. Eifrig rüstete er mit Friedels Hilfe die wenige Habe, die er mitführen konnte, denn in drei Tagen wollte man die Wanderung beginnen. Die Angst und Aufregung der letzten Monate hatte ihn sehr verändert. Seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein leuchtendes Auge matt geworden; er war kein starker Mann mehr, sondern ein müder Greis.
Friedel dagegen war frischer und mutiger als je. Wohl tat ihm zuweilen das junge Herz weh beim Gedanken an den Abschied von der geliebten Heimat; aber bald schlug es wieder freudig in Erwartung alles Wunderbaren, das er auf der Wanderung zu erleben hoffte.
Aber horch! Es klopft gewaltig an die Tür, die man in dieser angstvollen Zeit stets verschlossen hält.
„Im Namen des Erzbischofs! Öffnet!“ ruft eine rauhe Stimme, und zwei kräftige, wohlgenährte Mönche betreten das niedere Gemach.
„Was wollt ihr?“ fragte Andreas mit tiefem Ernst. „Ihr seht, ich rüste zum Auszug. Verschwendet eure Worte nicht mehr an mich.“
„Damit ist’s vorbei, starrköpfiger Alter“, erwiderte der eine mit häßlichem Lachen. „An dir ist wenig gelegen; aber diesen schmucken Buben will die Gnade des Erzbischofs vom Verderben erretten. Wir sind gesandt, ihn ins Kloster abzuholen. Aller Widerstand ist vergebens.“ Damit packte er den Knaben mit festem Griff am Arme.
„Mein Kind! Mein Kind!“ jammerte der Alte, wollte aufstehen und es an sich ziehen, aber die Kraft versagte ihm; der Schreck war allzu groß gewesen. Er wankte und sank ohnmächtig auf die Bank zurück.