Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen Grenze, nur 10 oder 11 km von ihr entfernt, nördlich von Königswartha, die ich i. J. 1912 besuchte, stand in einem öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich konnte im ganzen 16 Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt waren: mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen 2 m im Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen haben an diesen Horsten gebaut, die seit Menschengedenken von den schönen Vögeln bewohnt wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von Reiherfamilien, nicht mehr und nicht weniger. Ein herrlicher Anblick, wenn die stolzen Segler der Lüfte ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals sind auf den Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel hervorschaut; die Ständer werden weit nach hinten gestreckt, und in dem schönen Federbusch am Kropf spielt lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere Reiher auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen mit Fischen, die er ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack bringt; denn ein Gewässer findet sich nicht in der Nähe. Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den letzten Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz verschwunden.
Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und Ostpreußen beherbergen noch immer eine stattliche Anzahl von Reiherhorsten; Posen, Schlesien, Brandenburg, die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht, der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen mit ihren ruhig fließenden oder stehenden Gewässern, dazu die Meeresküste. Ob das Jagdgebiet mehr oder weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes Gebüsch die Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich nur seichte Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser stehend, dem Fischfang ungestört obliegen können.
Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren – es war in der zweiten Hälfte des Mai – an der deutschen Ostseeküste besucht. Den Ort verschweige ich; ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste hier auf den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu multiplizieren, erst die Anzahl der Reiherpaare mal zwei bis drei Dutzend spannenlanger Fische, das Produkt mal 180 – so viele Tage ungefähr weilt der Reiher an seinem Brutplatz – dann wird dividiert, nun weiß man die Kilo, und wieder multipliziert – man hört ganz deutlich die Goldstücke klimpern, die man ohne die Reiher einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den die Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat, mit zu Gelde machen, davon wollen die Leute nichts hören.
Wenigstens 20 bis 25 m schätzte ich die Höhe der Horste. Manche Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten fütterten eifrigst, viele brüteten aber auch noch. Die großen Vögel kreisten schreiend über den Horstbäumen. Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich zwischen den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt waren, dahin. Es sah noch leidlich reinlich im Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas weißer Kot und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie anders, wenn man später kommt! Da muß man in solchem Unrat förmlich waten, wie es mir erging, als ich vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte.
An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher abgeschossen werden. Auf höheren Befehl mußte sich der Oberforstmeister dazu bequemen; denn die Fischer hatten sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt, daß man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden anrichten, ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege und züchte. »Zwölf Stück, nicht mehr!« so lautete die strenge Weisung, die der Oberforstmeister uns gab, »und nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit der Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht, auch peinlich darauf achten, daß kein Reiher dabei in den Horst fällt, wodurch die Jungen elend umkommen müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell zusammen; denn wenn auch nach jedem Schuß die Vögel abstreichen, sie kommen doch recht bald wieder, falls man sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt. Die Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten.
Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie das Leben gelassen – Opfer des Vogelschutzes, so seltsam es klingt. Ein mäßiger Abschuß war eben unbedingt nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie dauernd erhalten. Wir banden die prächtigen Tiere, damit sie von allen Dorfbewohnern gesehen würden, an den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr, als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr Fischer, wie man sorgt, daß ihr die Fischräuber los werdet, und haltet den Mund nun!
An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen halten sich die Reiher, namentlich auf ihrer Wanderung, gern auf; es findet sich überall ein Plätzchen, wo selbst das schnellfließende Wasser seinen eiligen Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel gesenkt, den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet, so schleichen die schlanken Gestalten mit behutsamem Tritt am Ufer entlang; sie gehen nur so weit ins Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen reicht. Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich fast auf demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt blitzartig der Hals vor, so daß der Schnabel, oft auch zugleich der Kopf unter der Wasserfläche verschwindet. Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert sofort in den unersättlichen Schlund.
Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen, größere Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven, Regenwürmer; selbst den Mäusen stellt er nach, ebenso jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen. Aber Fische, von den kleinsten angefangen bis zur Größe von etwa 20 cm, daß er sie gerade noch hinabzuwürgen vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach der Art der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im geringsten. Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen, die verschiedenen Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst Barsche und Stichlinge – es ist ihm alles willkommen, mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte.
Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten nicht verdenken, wenn er auf den hochbeinigen Mitbewerber sehr schlecht zu sprechen ist, und es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von vornherein lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern richtet der Räuber natürlich keinen Schaden an, schon aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie lange aufhalten wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort am Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann. Auch wo regerer Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen sich nur ausnahmsweise einmal ein paar Reiher. Der Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine reiche Beute seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in einer bestimmten Gegend ist – ich möchte sagen, der erfreuliche Beweis dafür, daß die Gewässer der Umgebung sehr fischreich sind.
Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers darauf hingewiesen, daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben wird, wie vielfach in den Gräben der Elb- und Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts vorzuwerfen habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen weniger ärgerlich? Zur Brutzeit, so hat man weiter gesagt, fange der Reiher nur kleine Fische, »Seitenschwimmer«, wie sie sich massenhaft in der Nähe der Ufer herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln sich schnell und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und außerdem aus der Unmenge kleiner Fischlein würden doch im Laufe der Zeit wenigstens einige große wertvolle Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich die Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien so reich an Fischen, daß der Abbruch, den die Reiher zufügen, nicht der Rede wert wäre. Wer so urteilt, der hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine größere Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch gegen hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf. Freilich gefangen werden müßte diese Menge auch erst von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen die Reiher abnehmen.