Von Eulen ließ sich in der Nähe des Dorfes nur das Steinkäuzchen hören. Erst rief ein Männchen ein paarmal sein pfeifendes »Guhk«, dann antwortete ihm ein zweites mit demselben Gruß, und bald lockte ein Weibchen mit hohem »Kuwiff, kuwiff«.

Am Morgen des nächsten Tages, den als erster Sänger Hausrotschwänzchen mit klirrender Strophe begrüßte, zeigte sich am Ufer des Großteichs in den hohen Eichen ein Wiedehopf. Ich vernahm seinen kuckucksähnlichen Ruf »upupupup« schon längst, ehe ich den hübschen Vogel mit dem aufrichtbaren, lockeren Federbusch und dem langen, dünnen Schnabel zu Gesicht bekam. Der muntere Bursche war außerordentlich scheu; bis auf 50 Meter nur ließ er mich herankommen. Dann flog er immer ein Stückchen weiter auf eine andere Eiche, bis er schließlich in zuckendem, unregelmäßigem Flug über die breite Wasserfläche setzte.

Durch Wiesen und Felder führte mich der Weg weiter nach Milstrich. Die reizenden Flugspiele der Kiebitze, die mich so nah umflatterten, daß ich das seltsame »Wuchteln« ihrer Schwingen deutlich vernahm, belebten die freundliche Landschaft; auch ein paar Turmfalken zeigten ihre Künste. Im Dorf sah ich die ersten Schwälbchen, zwei oder drei Paar Rauchschwalben, auch eine einzelne Hausschwalbe; sie zwitscherten seelenvergnügt, froh, daß die schlimme Zeit nun vorüber und Wärme und Sonnenschein das kleine Volk der Insekten zu neuem Leben geweckt hatten.

Zu dem Milstricher Rittergut gehören gleichfalls viele, zum Teil recht ansehnliche Teiche. Sie sind von nur geringer Tiefe, vielleicht einen Meter im Mittel. Das ist ein Vorzug aller stehenden Gewässer der Lausitz; denn das Wasser erwärmt sich dadurch schnell bis auf den Grund, was der Fischzucht förderlich ist. Außer den schon genannten Enten, Tauchern, Wasserhühnern belebten auch kleine Moorenten die Teiche in der Nähe des Gutes. Ziemlich unscheinbar sehen diese Entchen aus. Selbst das »Prachtkleid« des Erpels verdient kaum solchen Namen; denn das dunkle Kastanienbraun des Kopfes und die Rostfarbe der Brust sind nur ein bescheidener Schmuck. Die Moorenten tauchen vorzüglich. Sobald ich mich nur ein wenig näherte, gleich waren sie unter dem Wasser, wenn sie nicht vorzogen, unter »grrr-grrr«-Rufen abzuziehen, stets paarweise, erst das Weibchen und hinter ihm das etwas größere Männchen. Während des Schwimmens sehen die Moorenten sehr klein aus, weil sie den Hals einziehen und mit dem Rumpf tiefer ins Wasser eintauchen als andere Enten, so daß man geradezu überrascht ist, wenn das Entchen beim Auffliegen gewiß noch einmal so groß erscheint, als man erwartet hätte.

Recht häufig vernahm ich den angenehmen Trillerpfiff des kleinen Rotschenkels; er ist unser verbreitetster »Wasserläufer«, an den orangeroten Füßen und dem weißen Bürzel leicht zu erkennen. Die weithin hörbaren Lockrufe »tü, tütü, dili, dideli« und die schwirrenden Triller sind so charakteristisch, daß es jeder Vogelkenner sofort weiß, welcher Vogelkehle diese wohllautenden Töne entstammen. Besonders eifrig rufen die Rotschenkel gegen Abend; dann antworten ihnen die Zwergtaucher mit gleichfalls trillernder Strophe.

Weiße Bachstelzen und die noch zierlicheren Gebirgsbachstelzen sah ich sehr häufig; auch die reingelbe Wiesen- oder Schafstelze, die ungefähr drei Wochen später kommt als ihre Verwandten, war schon da und wippte graziös von einem Schilfinselchen zum andern. Auf den Feldern ließen sich gegen Abend die Rebhühner eifrig hören, und auch Heidelerchen sangen noch spät ihr zartes, aus einer Reihe von Pfeiflauten bestehendes Lied aus luftiger Höhe herab.

Der folgende Tag galt dem Besuch des Königswarthaer Teichgebiets im Norden der Ortschaft. Teich an Teich in unübersehbarer Folge, und fast auf jedem eine stattliche Zahl von Wassergeflügel, daß dem Naturfreund das Herz lacht. Zehntausend Morgen an Wasserfläche gehören zum Rittergut, der kleinere Teil davon im Königswarthaer Flurgebiet, der größere schon auf preußischem Boden. Einige von ihnen sind 50 bis 72 Hektar groß. Hier fielen mir besonders die zahlreichen Löffelenten auf. Möglich, daß ich diese schöne Ente auf den früher besuchten Teichen übersehen oder vielleicht aus der Entfernung mit der Stockente verwechselt hatte: jedenfalls gehört sie in dem Königswarthaer Teichgebiet zu den ganz allgemein verbreiteten Arten. Eigentümlich ist für sie der große, am Grunde schmale, vorn aber stark verbreiterte, gewölbte Schnabel, dessen Form der Ente den Namen gegeben hat. In seinem Prachtkleid führt das Männchen viel Weiß, das weithin leuchtet, besonders am Kropf, Hals und Oberflügel. Der Kopf erglänzt schwarzgrün wie beim Stockerpel. Unterbrust und Bauch zeigen ein schönes Kastanienbraun. Vor dem goldgrünen, weiß eingefaßten Spiegel liegt über der Schulter ein himmelblaues Feld, eine Farbe von eignem Reiz; sie ist in unsrer deutschen Vogelwelt außerordentlich selten. Öfters sah ich Löffelenten ganz in der Nähe, immer paarweise; sie sind so wenig scheu, daß sie auch dann noch unbesorgt umherschwimmen oder gründelnd sich auf den Kopf stellen, wenn Bläßhühner, Stockenten, selbst die zutraulichen Tafelenten unter Geschrei geflohen sind. Fliegen auch sie endlich ab, so geschieht es ohne jeden Laut; ohne Plätschern erheben sie sich aus dem Wasser, und ohne jedes Geräusch fallen sie wieder ein.

Im Parke hinter dem Herrenhause fand ich all die Vögel, die ich hier erwarten konnte. Von den noch nicht erwähnten nenne ich nur Wendehals, Gartenrotschwanz, Sumpfmeise, Kleiber, Baumläufer, denen die höhlenreichen Bäume willkommene Wohnung gewähren, dazu Freibrüter wie Hänfling und Girlitz. Auch ein paar Eichelhäher kreischten in den Baumkronen.

Den folgenden Tag fuhr ich nach Neschwitz, von wo aus ich die nahen Holschaer und Quooser Teiche, den schön gelegenen Mädelteich, den Litschen- und Neuteich, die Mauerlöcher, ferner die Radiborer Teiche an der Luppaer Grenze, die Luttowitzer Teiche, den Bockauer Großteich, und endlich die schönsten von allen, die Milkener Teiche besuchte. Die ganze Gegend mit dem reichen Wechsel von Wasser, Wald, Wiese und Feld, mit den freundlichen, zumeist wendischen Ortschaften ist von hohem landschaftlichen Reiz, und ich freue mich, daß man all diese liebliche Schönheit hier ungestört genießen kann. Die Gegend ist eben noch nicht »entdeckt«, und so verliert sich wohl nur selten mal ein Tourist in diesen Winkel der »wendischen Türkei«. Es ist nicht möglich, alle Beobachtungen aufzuzählen, die Auge und Ohr eines aufmerksamen Wanderers jede Minute beschäftigen: die anheimelnde Bauart der ländlichen Höfe, die sich um den unkenreichen Dorfteich gruppieren, die blühenden Obstbäume, die Rehe am Waldessaum, der kreisende Mäusebussard, die Karnickel vor ihrem Bau, der wohlklingende Ruf des Schwarzspechts, das Rucksen der Hohltaube, hier Reinekes Spur, der seine Besuchskarte abgegeben hat, dort Gewölle vom Waldkauz, hier die Fegstelle eines Rehbocks an zwei jungen Erlenstämmchen, ein Igel im Gestrüpp, die Fährte des Iltis, oder manche interessante Pflanze: im schattigen Wald die Einbeere, Knabenkraut auf der feuchten Wiese, Sumpfveilchen auf moorigem Boden, Pestilenzwurz, Leberblümchen u. a. Ein Eisvogel flog wie ein glühender Juwel vorüber und weckte die Erinnerung an jenen gleichfalls farbenprächtigen Vogel, die Mandelkrähe oder Blaurake, die leider in Deutschland immer seltener wird, aber im östlichen Sachsen, so bei Königswartha und in den hohen Eichen an den Quooser Teichen noch regelmäßig als Brutvogel vorkommt. Diesmal freilich konnte ich den wunderbar gefärbten Vogel noch nicht begrüßen, da er erst recht spät aus seiner Winterherberge zurückkehrt.

Nach Fischreihern habe ich scharf Ausschau gehalten; aber erst am vierten Morgen glückte es mir, einem dieser schönen Vögel zu begegnen. Ich hatte in Commerau übernachtet und saß auf dem Damm eines der vielen Teiche in der dortigen Heide beim Frühstück. Auf einmal hinter meinem Rücken ein aufgeregtes Kreischen der Lachmöwen. Ich wende den Kopf – kaum zwanzig Schritt von mir ein Reiher, der von den Möwen bis unter die Bäume am Damm verfolgt ward, wo sie ihn nun in die Enge treiben. Er wird mich gewahr, schlägt heftig mit den dunkeln Fittichen, wendet und bahnt sich den Weg mitten durch die ihn umschreiende Schar.