Fischreiher horsten nicht mehr in der sächsischen Lausitz; aber im nahen Lohsa-Weißcollmer Revier findet sich auf hohen Kiefern wohl auch heute noch der Rest einer uralten Kolonie. Im Juli und August, wenn die Jungen ausgeflogen sind, erscheinen dann mit ziemlicher Regelmäßigkeit die schönen Fischer auch im sächsischen Teichgebiet, nicht selten mehr als ein Dutzend auf einmal, zum Ärger der Teichbesitzer, die über die preußischen Fischdiebe schimpfen und manchem das Lebenslicht ausblasen.
Der merkwürdigste Vogel jener Gegend ist aber die große Rohrdommel. Ihretwegen war ich nach Commerau gewandert, und ich hatte das Glück, die ganze Nacht ihrem Liebeslied von meinem Bett aus zu lauschen. Obgleich der Standort des Vogels mindestens eine halbe Stunde von dem Gasthaus entfernt war, hörte ich das tiefe »Prumb« doch ganz deutlich. Es klingt ähnlich wie das Brüllen eines Rindes, weshalb der Vogel beim Volk »Moorochse« genannt wird. Meist hörte ich, selbst bei dieser Entfernung, auch den viel leiseren Vorschlag. Die Silben »ü-prumb« geben den Ruf ziemlich gut wieder. Auch am hellen Morgen, den ganzen Vormittag, selbst in den Mittagsstunden schwieg die Rohrdommel nicht, nur daß sie jetzt ihren Ruf statt fünf- oder sechsmal, nur etwa dreimal hintereinander wiederholte und dann eine Pause von ein paar Minuten eintreten ließ. Wie man bei der Birkhahnbalz aus dem Kollern allein, das dem sog. Schleifen vorangeht, den Standort des Hahns nur schwer bestimmen kann, so verhält sich's auch mit dem tiefen »Prumb«-Laut des reiherartigen Vogels; es dauerte ziemlich lange, ehe ich feststellen konnte, daß auf einer Insel in einem Teich ganz nahe dem Rittergut Kauppa die Rohrdommel ihren Standplatz bezogen hatte. Die Leute sagten, seit zwei bis drei Wochen ließen sich diese unheimlichen Laute hören; daß sie von einem Vogel herrühren, wollte mir niemand glauben. In der Nähe klingt das »Prumb« – wohl der tiefste Ton, den irgendein Vogel unsrer Heimat erzeugt, denn er erreicht das F der großen Oktave – etwa so wie der Laut, den man mittels einer recht großen Gießkanne erzeugen kann, wenn man mit voller Kraft Luft zur Ausflußröhre hineinbläst. Ein Explosionslaut ist es, der nicht mit dem Kehlkopf, sondern mit der Speiseröhre erzeugt wird, aus der die hinuntergeschluckte und zusammengepreßte Luft mit großer Gewalt herausgestoßen wird, eine Art Dudelsack, auf dem der scheue Vogel sein unheimliches Liebeslied spielt.
Auch im Neschwitzer Teichgebiet ließ sich die große Rohrdommel unermüdlich hören. Leider bekam ich sie aber weder hier noch dort zu Gesicht. Der Schilfwald hält sie versteckt, und wenn man sich ihrem Standort nähert, so flüchtet sie geduckt durch das Röhricht, wie der kleine Wachtelkönig durch das hohe Gras der Wiese. Aufzufliegen entschließt sich der Vogel nur schwer; er weiß, wo er Schutz findet.
Vielleicht gelingt es mir später, den nächtlichen Musikanten von Angesicht zu Angesicht zu sehen, vorausgesetzt, daß er unsrer Heimat erhalten bleibt. Ich habe sehr darum gebeten, ihn bei den Entenjagden als interessantes Naturdenkmal zu schonen und ich wiederhole auch hier meine Bitte.
Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben
Jahrhundertelang fließt der Fluß in dem errungenen Bett. Wann sprang sein Quell zum erstenmal aus dem Felsen hervor? Wird einst das Wasser verrinnen, wird die Spur verwehen, die es in das Antlitz der Erde gegraben hat? Beharrungsstreben in der Natur trotz allen Wechsels – wie viele selbst der kleinsten Bächlein mögen heute noch genau so fließen, wie weiland vor tausend Jahren!
Mit der Kultur des Menschengeschlechts ist's, ebenso. Unerforschlich ihr Ursprung, unbekannt Ziel und Ende, und bei allen Wechselfällen, bei allen Umwälzungen des Lebens das Gesetz der Beharrung. Greife heraus, was du willst, Gebräuche und Sitten, Anschauungen, Sagen und Märchen, Sprache, Werkzeug und Kunst – uralter Besitz ist's, vererbt von Geschlecht zu Geschlecht. Manches wohl tot – nur die Erinnerung, daß es einst war, ist noch geblieben – vieles nur scheintot – zu neuem Leben kann es erwachen – das meiste aber noch frisch und in Urkraft, wie in den Tagen der Väter.
Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet der denkende Mensch auch den Aberglauben oder sagen wir lieber – denn gemütvoller klingt es – den Volksglauben, den er noch heute im aufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert bei seinen Zeitgenossen antrifft. Ihn bis in die nebelgraue Vergangenheit zurückzuverfolgen, seine verborgenen Quellen und die vielen Bächlein aufzusuchen, die ihn immer von neuem gespeist haben, das ist der Reiz, den solches Studium gewährt. Der andere aber mag nichts davon wissen; er sagt: »Die Dummen werden nicht alle!« Kennt er sich selbst so genau? Ist er wirklich ganz frei, ganz unbefangen, oder schlummert nicht vielleicht doch irgendein kleines Überbleibsel, ein winziger Rest dieser oder jener uralten abergläubischen Vorstellung, ihm selbst nicht bewußt, in seiner so aufgeklärten Seele?