Wir wählen ein eng umgrenztes Gebiet, den Volksglauben, der sich auf die gefiederte Welt unsrer Heimat bezieht, und zwar nur so weit, als er noch heute bei unsern Volksgenossen lebendig ist.
Da gibt es zuerst naturwissenschaftliche Irrtümer, die nur insofern die Bezeichnung Volks- oder Aberglauben verdienen, als sie so seltsam sind, jeder Erfahrung so völlig widersprechen, daß eine starke Gabe von Leichtgläubigkeit und kindlicher Einfalt dazu gehört, wenn jemand noch immer an solchen Widersinnigkeiten festhält.
Ob man mir's glaubt? Das Märlein vom Kuckuck, unserm lieben Frühlingsboten, der sich alljährlich im Herbst in einen raubgierigen Sperber verwandeln soll, ist auch heute bei unserm Volk noch nicht völlig verklungen. Zehn Jahre sind's her, da saß ich mit zwei Landwirten am Biertisch im Kretscham eines Lausitzer Dorfs. Beide waren Jäger; so kam die Unterhaltung bald in Fluß, und wir erörterten schließlich jene seltsame Verwandlungsgeschichte. Es waren die vernünftigsten Menschen der Welt; aber sie ließen sich doch nur halb überzeugen. Zwar an die Verwandlung glaubten sie nicht; aber daß der Kuckuck auch im Winter unsrer Heimat treu bleibe und daß er, sobald die Raupennahrung spärlicher werde, der Kleinvogelwelt nachstelle, daß er dann ein schlimmer Räuber sei, das ließen sich beide nicht ausreden. Der eine der Streithähne wollte einmal mitten im Winter einen Kuckuck geschossen haben, als dieser gerade einen Finken würgte; der andere aber hatte an einem sonnigen Maimorgen beobachtet, wie sich der Kuckuck-Sperber oder der Sperber-Kuckuck, der eben noch seinen prophetischen Ruf zum besten gegeben hatte, auf ein singendes Rotkehlchen stürzte.
Schon zu des seligen Äsops Zeiten meinte man, aus dem Kuckuck werde im Herbst ein Sperber oder ein Habicht, und dieser verwandle sich im Frühjahr wieder in den Lenzesboten. Auch Aristoteles erwähnt den gleichen Aberglauben, dem er jedoch mit aller Entschiedenheit entgegentritt. Plinius aber muß den großen Gelehrten mißverstanden haben, wenigstens berichtet er wieder: »Der Kuckuck entsteht aus einem Raubvogel.« Damit war diese Transmutationslehre für viele Jahrhunderte gesichert; bei den »Naturkündigern und Philosophi« erhielt sie sich das ganze Mittelalter hindurch, und ein oder der andere Mann aus dem Volk glaubt heute noch an das einfältige Märchen.
Wer Kuckuck und Sperber kennt, wird über die Entstehung des sonderbaren Aberglaubens nicht im Zweifel sein. Der unschuldige Kuckuck ahmt den gefürchteten Sperber so vollkommen nach in Gestalt, Größe und Farbe, ja sogar in der Art seines Fluges, daß der Beobachter leicht getäuscht wird. Die Unterseite weißlich mit dunklen Querwellen, der Fächer des Schwanzes lang und breit, das hochgelbe Auge, die gelbliche Wurzel des Oberschnabels, der blaßgelbe Fuß, dazu der Flug, leicht, elegant und reißend schnell wie der unsrer kleinen Raubvögel: dies, alles sind Merkmale, die Freund Kuckuck mit dem verhaßten Sperber teilt. Ich zweifle keinen Augenblick, daß es beim Flug über freies Feld dem harmlosen Lenzesboten bisweilen gelingen wird, durch diese Maske seine Feinde, die gefiederten Räuber, zu täuschen.
Denselben Eindruck, daß der Kuckuck ein Raubvogel sei, haben offenbar auch die Kleinvögel, wie Grasmücken, Laubvögelchen, Würger, Bachstelzen u. a.; ihnen allen ist der Kuckuck ein gar unheimlicher Geselle. Zeigt sich einer in ihrem Gebiet, so flattern sie erschreckt von Ast zu Ast, ängstlich rufend, oder sie versuchen es, den vermeintlichen Angriff gemeinsam zurückzuschlagen, indem sie den Ruhestörer mit lautem Geschrei verfolgen. Oder sollten sie es wissen, daß ihnen das Kuckucksweibchen sein Ei ins Nest legt, und sollten sie es nun mit allen Mitteln versuchen, das Danaergeschenk zurückzuweisen? Ich glaube es kaum. Durch solche Zeichen von Furcht und Aufregung unter den Kleinvögeln wird natürlich auch der menschliche Beobachter leicht irregeführt.
Andere berichten, der Kuckuck verkrieche sich im Herbst in hohle Bäume, besonders gern in Weidenstämme, auch unter Steine und in die Erde. Hier liege er wie tot, und zwar nackend, auf seinen Federn, gleichsam in einem warmen Bett, »faulen vnd vngefäder«, wie es beim alten Geßner heißt, dem Plinius am Ausgange des Mittelalters.
Es ist überhaupt merkwürdig, daß man sehr vielen Vögeln, von denen wir heute wissen, daß sie Zugvögel sind, einen Winterschlaf hier in ihrer Heimat andichtete. Die Erscheinungen in der Welt der Säugetiere, Reptilien und Amphibien mögen einen solchen Ähnlichkeitsschluß nahegelegt und manche Einzelbeobachtungen diese irrige Annahme bestärkt haben. Rotschwänzchen, Turteltaube, Amsel, Nachtigall, Wachtel u. a. verkriechen sich, so meinte man, in Baumhöhlen, Felsenritzen, unter Baumwurzeln, in die unterwaschenen Flußufer und verbringen hier die rauhe Jahreszeit im Halbschlaf oder in festem Winterschlaf, wobei sie – namentlich die Wachteln – von ihrem Fett zehren, wie Dachs oder Bär.
Am merkwürdigsten aber waren die fabelhaften Erzählungen über das Winterquartier von Schwalbe und Storch. Diese Vögel sollten auf dem Grund von Teichen, Seen und Sümpfen, ja selbst im Meer überwintern. Hier, vom Schilfe verdeckt, ruhen die müden Geschöpfe und erquicken im Schlaf, der dem Tode gleicht, die ermatteten Glieder. Noch vor wenig mehr als anderthalb hundert Jahren wird diese sonderbare Ansicht in Kleins »Historie der Vögel«, Danzig 1760, auf das bestimmteste gegen alle Einwände verteidigt, so daß man sich nicht wundern darf, wenn weit über zweihundert Jahre früher Luther in seiner Erklärung zum 1. Buch Mose sagt: »Das Wunderwerk von den Schwalben ist aus der Erfahrung bekannt, daß sie nämlich den Winter hindurch in dem Wasser für tot liegen und im Sommer wieder aufleben, welches gewiß ein großer Beweis unsrer Auferstehung ist.« Auch Luthers Zeitgenosse, der alte Geßner, führt in seinem »Vogelbuch« diesen Gedanken aus; er sagt … »welches ich für ein wunderbar werck halt vnd für ein anbildung der auferstentnuß vnserer cörpeln.«