An diesem Wunderglauben hält heute wohl niemand mehr fest; aber daß unsre Schwalben, wenigstens ein großer Teil von ihnen, in hohlen Bäumen, unter dürrem Laub und zwischen Grasbüscheln oder auch in ihren eigenen Nestern einen regelrechten Winterschlaf halten, dieses Märlein spukt noch immer in unserm Volke und in den Zeitungen fort und ist trotz aller Aufklärung seitens der Wissenschaft, wie es scheint, nicht aus der Welt zu schaffen. Es werden selten ein paar Jahre vergehen, wo dieser Irrtum und Aberglaube nicht immer wieder durch einzelne »einwandfreie« Beobachtungen neue Nahrung erhielte. Und das erklärt sich so: Vor dem Abzuge suchen die Schwalben gern gemeinsame Schlafplätze auf, wie das Schilf an Teichen, das Fachwerk der Häuser, auch einmal eine weite Baumhöhle. Sind die Tierchen, die vielleicht wegen verspäteter Brut den Anschluß an die große Masse der Wanderer versäumt haben, infolge Nahrungsmangels halb verhungert, so kann es geschehen, daß sie in kalter Herbstnacht dutzendweise dahinsterben, und wer sie findet, meint dann, die Schwalben hätten sich hier zum Winterschlaf niedergelassen. Auch Lenz ist überzeugt, daß diese Vögel in Europa, wenn auch nur ausnahmsweise, einen Winterschlaf halten.

Solche Fälle stehen durchaus nicht so vereinzelt da, wie wohl mancher denken mag. In den letzten Jahrzehnten haben wir es mehrmals erlebt, daß Schwalben in den naßkalten Herbsttagen – sehr verhängnisvoll waren für sie z. B. die ersten Oktobertage 1905 – nicht nur einzeln, sondern in ganzen Scharen zugrunde gingen. Selbst unter dürres Laub, unter Grasbüschel und dergleichen hatten sich ermattete Rauchschwalben versteckt, gemeinsam die Todesstunde erwartend. Daß man auch zwischen dem Schilf »ganz aneinanderhangende Bündel« von Schwalben aus dem Wasser gezogen haben will, erscheint unter solchen Umständen durchaus nicht so unmöglich, sondern ist leicht zu erklären. Wenn aber jeder Vogel, den einmal ein Fischer aus dem schilfigen Teich oder See herauszieht, nun sofort als Winterschläfer ausposaunt wird, wie es ehemals oft geschehen ist, so gibt es für solche Leichtgläubigkeit und Urteilslosigkeit keine Entschuldigung; denn das weiß jedes Kind, daß im Sommer und Herbst mancher Vogel den Hunden des Schützen, der auf Enten oder andere Wasservögel jagt, nur zu leicht dadurch entgeht, daß er zwischen das Schilf flattert und dort ins Wasser fällt. Auch der beste Hund findet nicht jede einzelne Beute.

Noch ein Schwalbenmärchen, das freilich mit Aberglauben gar nichts zu tun hat – nur das ewige Leben teilt es mit ihm – sei hier erwähnt. Dem Sperling, der sich in ein Schwalbennest einquartiert hat, so heißt es ganz allgemein, gehe es schlecht. Die erzürnten Schwälbchen kümmerten sich nicht um das »Besetzt, besetzt!« das ihnen der Eindringling zuruft, und mauerten den Spatz aus Rache einfach ein, daß er elend umkommen müsse.

Ein Märchen ist es. Wohl flattern und schreien die rechtmäßigen Besitzer, wohl schnappen sie im Fluge nach dem frechen Sperling; doch der weicht nicht von der Stelle. Nach ein oder zwei Tagen geben dann die Schwalben in der Regel ihre Angriffe auf, und der Spatz hat nun Ruhe. »Gesiegt, gesiegt!« so höhnt er, sobald noch ein Vogel vorüberfliegt. Wie sollten sich die ängstlich umherflatternden Schwalben auch soviel Ruhe und Überlegung bewahren, daß sie unmittelbar vor dem Kopf ihres zeternden Feindes die Öffnung des Nestes zumauerten, und – nun kommt die Hauptsache – so dumm ist unser Spatz, »der Allerweltsvogel, der pfiffige Gassenjunge, der Lausbub«, wahrhaftig nicht, daß er sich solch Einmauern bei lebendigem Leibe gutmütigst sollte gefallen lassen. Er hat auch einen Schnabel und weiß sich zu wehren.

Recht sonderbar ist der auch heute noch beim gemeinen Mann verbreitete Glaube, das Nest des grünen Erlenzeisigs, der so gern als Stubenvogel gehalten wird, sei unsichtbar. Ja man wollte mich sogar einmal Lügen strafen, als ich behauptete, den Zeisig beim Füttern seiner Nestjungen beobachtet zu haben, und das von mir vorgezeigte Nest, das mir einst ein Junge vom Baume herabgeholt hatte, wurde für ein solches vom Stieglitz oder vom Hänfling erklärt.

Es ist gar keine Frage, das Nest vom Zeisig gehört zu den Vogelnestern, die recht schwer aufzufinden sind. Meist steht es hoch oben in den Fichten oder Tannen, von Nadelzweigen und Flechten so gut verdeckt, daß es von unten und von den Seiten her in der Regel nicht gesehen werden kann, und wenn man in diesem Sinne von einer »Unsichtbarkeit« des Zeisignestes sprechen will, laß ich's wohl gelten. Selbst wer den Baum erklettert, findet es oftmals nicht, so genau er sich auch die Stelle, wo er die Vögel bauen oder mit Futter herzufliegen sah, gemerkt hat. Dazu steht das Nest meist auf dem schwanken Ende eines Astes, daß es höchstens von einem waghalsigen Jungen erreicht werden kann.

Ich habe auch einmal sagen hören, falls der Zeisig überhaupt brüte und sich nicht etwa auf eine »unnatürliche Art« fortpflanze, so müsse das während des Winters, wo die Vögel umherstreichen, in einer fremden Gegend geschehen; bei uns zulande wenigstens habe noch kein Mensch ein einwandfreies Zeisignest gefunden. Nun, ich kann nur feststellen, daß in den Nadelwäldern unsrer Mittelgebirge, wie im Thüringer Wald und im Harz, alljährlich genug Zeisige ihr Fortpflanzungsgeschäft im Frühjahr ganz ebenso betreiben, wie andere Finkenvögel auch. Und wenn man weiter fabelt, das Nest enthalte einen Stein, der ihm jene Unsichtbarkeit erst verleihe, und nur auf einer Wasserfläche spiegele es sich ab, so daß man dort wohl sein Bild, nie aber das wirkliche Nest sehen könne, so trägt solch Gerede auch nicht dazu bei, die Sache glaubwürdiger zu machen.

Besonders sind es unsre Hausfreunde, wie Storch, Schwalbe, Rotschwänzchen, um die man einen ganzen Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden hat. Zwar an den Storch als Kinderbringer, den »Adebar«, der die Mutter ins Bein beißt, daß sie das Bett hüten muß, glauben heutzutage selbst die kleinen sechsjährigen Mädel nicht mehr recht und die Buben gleich gar nicht; aber daß Störche auf dem Haus eine nahe Hochzeit oder Kindersegen bedeuten, daran hält man in unsrer Lausitz, wo es zum Glück noch immer ein paar besetzte Horste gibt, ebenso fest, wie in andern Gauen des niederdeutschen Flachlandes, die sich zahlreicherer Störche erfreuen. Soviel Junge im Nest, soviel Kinder sollen auch die Neuvermählten bekommen – natürlich nacheinander, im Laufe der Jahre; denn in Adebars Kinderstube werden gewöhnlich vier, bisweilen auch fünf Stück zur Welt gebracht.

Ebenso allgemein ist der Glaube, daß ein auf dem Hause brütendes Storchenpaar jede Feuersgefahr abwende; namentlich wird der Blitzschlag ein solches Gehöft nie einäschern. Ich kenne einen Fall in der Lausitz, wo eine Feuersbrunst tatsächlich vor einem durch Störche gefeiten Gute halt machte. Dadurch wird natürlich der Glaube, daß das Feuer dem Vogel und seinem Horst nichts antun könne, zur Gewißheit; noch die Urenkel werden davon erzählen, während die Fälle, wo sich der Schutz nicht bewährte, recht bald der Vergessenheit angehören. Ich werde der letzte sein, der es versucht, dem Lausitzer Bauer seinen Glauben auszureden; denn der liebe Mitbewohner des Hauses erscheint ihm ja wegen des Feuerschutzes, den er dem Hofe gewährt, nur um so wertvoller.

Fast ein heiliges Tier ist unser Hausstorch wie bei den Ägyptern der Ibis oder in Indien der Geier. Wehe wer einen Storch tötet oder ihm ein Junges raubt – Krankheit und Armut werden des Mörders Los. Ja, der Glaube an die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des gefiederten Hausfreundes ist unserm Volke so in Fleisch und Blut übergegangen, daß selbst Forstbeamte – es sei ihnen zur Ehre angerechnet – davon abstehen, einen Storch zu schießen, auch wenn sie davon überzeugt sind, daß in ihrem Revier der langbeinige Vogel manchen Schaden anrichtet, indem er in den Feldern weidwerkt und neben Mäusen auch 'mal einen Junghasen erwischt oder ein bodenständiges Nest ausnimmt. Aber der Jagdberechtigte weiß auch, daß er gut daran tut, ein Auge zuzudrücken. Die ganze Gemeinde würde mit Recht empört sein, wenn es hieße, der Storch, ihr Gemeindestorch, sei dem Schrot des Jägers zum Opfer gefallen. Ich kenne einen solchen Fall aus unserer Heimat; doch steht er zum Glück vereinzelt da.