»Jedenfalls war Gambrinus nicht bloß einst der mächtigste König der ganzen Welt, denn seine Herrschaft geht heute noch von Aufgang bis Niedergang, kein König hat ein größeres Reich, keiner zählt mehr Untertanen; er wird von den Studenten noch heute ceremoniell canonisiert, ihm zu Ehren stiftete man Orden, Feste und Feiertage, sein Name ist unsterblich, seine Erfindung unvergänglich!«[52]
Von Gambrinus sind zahllose Bilder, natürlich alle aus späterer Zeit erhalten, deren ältestes wohl das in Aventins Baierischer Chronik (Frankfurt a. M. 1580) enthaltene sein dürfte. In römischer Rittertracht, den einen Arm eingestemmt, hält der Brabanter in der Hand einen Helm mit einer Krone. Auf dem Haupt trägt er einen Ährenkranz. Links mähen Bauern Korn, rechts wird eine große Biertonne gewälzt. Der Hauptunterschied zwischen diesem ältesten und den späteren Darstellungen besteht in der dem Gambrinus zugewiesenen Kleidung, denn fast alle diese bilden ihn in einem nur leise an die vlämische Rittertracht erinnerndem Phantasiekostüm, in der Hand den Pokal voll schäumenden Bieres ab. Unter dem ältesten Bild befinden sich folgende Verse, die der Geschichtsschreiber des Bieres, Dr. Grässe, dem Herausgeber der Aventinschen Chronik, Nicolaus Cisner, zuschreibt.
Gambrivius, genannt der Gämpffer,
Ein kühner Held und starker Kämpffer,
Gleich wie er geboren von Edlem Blut
Hatt er ein Adelichen Mut,
Er war gantz streng vnd ernst von Sitten,
Kein Unricht ward bei ihm gelitten,
Alle Freffel er gar kleinlich strafft,
Die Frauen schützt und Frieden schafft,
Wie wol man nicht beschrieben sind,
Wo er vnd nachmals seine Kind,
Nach ihm regiert han vnd geherrscht,
So hat man dennoch das erforscht,
Daß im Tornacher Stifft ein Statt,
Gambrv[53] von jm den Namen hat.
Darbey man wol abnemmen kann,
Daß er daselbst regiert muß han.
Er hat aus Gersten Malz gemacht
Vnd das Bierbräuen erst erdacht.
Wie er solches von Osirida
Gelehrnet hat, vnd von Isida.[54]
Vnd hatt gelebt der Kämpffer Kuhn,
Wie die Historie zeigen thun,
Da Belocho dem zehend König
Assyrien war unterthänig.
Natürlich fehlte es auch dem Biere nicht an Feinden; denn wo die Menschen an etwas Freuden haben, finden sich sofort die Nörgler ein, die alles aufbieten, mit ihrem Geifer diese Freude zu vergällen. Im ersten Jahrtausend nach Christi Geburt predigte schon der verbissene Preußenapostel, der heilige Adalbert, gegen das Bier; 1039 verhängte Bischof Severus den Bann über alle Bierwirte und so geht es weiter. Ein Scribent, der 1515 in Erfurt ein Büchlein »De generibus obriosorum et ebrietate vitanda« herausgab, schreibt, daß in Polen, Rußland, Lithauen, Lievland, Masovien, Preußen, Pommern, Rügen, Stettin und der Mark Brandenburg das Bier Eingang gefunden hätte, besonders aber in Sachsen. »In diesen Gegenden wächst, wie gesagt, kein Wein, es wird aber trotzdem recht guter eingeführter getrunken; aber das Bier herrscht vor, eine dicke, dem menschlichen Körper schädliche Flüssigkeit, die, wie man wohl glauben darf, ein böser Geist zum Verderben der Menschheit erfunden, um mit diesem verderblichen Gift die meisten hellen Verstandeskräfte zu vernichten.«[55]
Den bayerischen Bierfanatiker dürfte die Nachricht interessieren, daß in ganz Süddeutschland, sowie auch in Bayern im Mittelalter das Bier außer Gebrauch gekommen war. Die jüngste Vergangenheit vermochte erst wieder durch die vervollkommneten Bereitungsarten und die dadurch bedingte Wohlfeilheit dem Bier die allgemeine Volksgunst wieder zu erringen. So berichtet Johannes Boëmus: »Das Volk in Franken unterscheidet sich in nichts, weder in Kleidung noch Gestalt von den übrigen Deutschen, ist ausdauernd und fleißig; beim Bestellen der Weinberge arbeiten Männer wie Weiber, keinem wird Ruhe gegönnt. Den Wein, den sie ernten, verkaufen sie ihrer Armut halber gewöhnlich und trinken Wasser. Das Bier verachten sie und lassen es nicht leicht bei sich einführen. In Würzburg wird es nur zur Fastenzeit und zwar außerhalb der Stadt auf Schiffen verkauft, damit die, welche sich des Weines enthalten, es statt Wasser haben können.«
Die beiden Hauptsorten der Vorzeit bildeten Gersten- und Weizenbier, die beide ihre Freunde und Gegner hatten. So zog Albrecht von Wallenstein, Herzog von Friedland, das Weizenbier jeder anderen Sorte vor. In einem Brief vom 2. Juli 1628 an den Feldmarschall Arnim vor Stralsund schrieb er: »Dieweil ich das Gerstenpier nicht trinken kann, bitt, der Herr thu die Anordnung, auf daß von Barth auf Anklam vor mich Weinzenpier gebracht wird.«
Das haltbare Lagerbier, das seitdem Weltruf gewonnen hat, braut man in Deutschland seit dem dreizehnten Jahrhundert. Von allen Sorten gelang es zuerst dem märkischen Lagerbier, sich einen Namen zu machen, den ihr aber bald die Stadt Zittau in Sachsen streitig machte.
Zittau besaß 1390 die größte aller deutschen Brauereien. In ihrem Kupferkessel konnten zehn Eimer Bier auf einmal gesotten werden. Dieses Zittauer Bier brachte großen Wohlstand nach seinem Ursprungsort und war sogar einmal die Ursache eines wirklichen Krieges, eines Bierkrieges, wie sie im Mittelalter keineswegs selten waren. Da dieser Krieg länger währte als sonst die Bierfehden, und sein Verlauf typisch für alle derartigen blutigen Zänkereien war, so will ich ihn hier etwas ausführlicher behandeln. Bereits in der Maßordnung König Ottokars von Böhmen von 1270 geschieht des Zittauer Bräues Erwähnung und im vierzehnten Jahrhundert regelten schon Verordnungen die Art des Brauens und die Biersorten in Weizen- oder Tränkebier und in Gerste- oder Lagerbier.
Der große Absatz des Zittauer Bieres wurde wesentlich durch die Vorzüglichkeit des Gebräues bedingt, weshalb es auch in anderen Städten eingeführt ward; dazu kam noch, daß der Bierzwang dieser Stadt sich auf eine sehr große Fläche erstreckte, mithin viele Nichtzittauer genötigt waren, ihren Bedarf aus Zittau zu beziehen. Die Trefflichkeit des Zittauer Bieres war überdies weit und breit anerkannt. So gab z. B. König Wenzel IV. den Pragern im Jahre 1385 die Erlaubnis, Zittauer Bier einzuführen, und im Jahre 1390 untersagte zwar der Rat zu Prag die Einfuhr fremder Biere, nahm jedoch Zittauer und Schweidnitzer Bier von dem Verbote aus. Daher mußte es auch kommen, daß die benachbarten Görlitzer, die zwar selbst ein recht trinkbares Bier brauten, sich gern an einem Glase Zittauer gütlich taten. Das machte die guten Zittauer übermütig, so daß sie sich schließlich das Recht zusprachen, ihr Bier nach jeden beliebigen Ort ungehindert versenden zu dürfen, ohne jedoch den anderen Städten ein gleiches Recht in Bezug auf sich selbst einzuräumen; ja, ihre Dreistigkeit ging am Ende so weit, daß sie den Bierbann anderer Städte durchaus nicht mehr respektierten, sondern diese zur Abnahme ihres Bieres zwingen zu können vermeinten. Infolge dieser eigentümlichen Rechtsbegriffe sollte jener merkwürdige Zwist entstehen, welchen die Spezialgeschichte als »die Görlitz-Zittauer Bierfehde« kennt.
Die Stadt Görlitz trieb nämlich damals ebenfalls ein recht einträgliches Biergeschäft, sah sich aber häufig erheblich beeinträchtigt durch die rücksichtslose Handlungsweise der Zittauer, welche ungeniert ihr Bier über die Görlitzer Grenze brachten, trotzdem dies schon oftmals Anstoß zu ärgerlichen Reibereien gegeben hatte. Der Rat der Stadt Görlitz wollte aber jeden ernsthaften Streit gern vermeiden, wenn es nur irgend anginge; er erließ deshalb im Jahre 1490, als die Zittauer abermals einen großen Transport Bier in das Görlitzer Weichbild einführten, einen Warnungsbrief an die Störenfriede. Das machte aber nicht den geringsten Eindruck, man antwortete nur mit Drohungen. Solcher Frechheit gegenüber blieb den Görlitzern nichts anderes übrig, als sich in einem Beschwerdeschreiben an den Kaiser Matthias zu wenden, ihm den ihnen zugefügten Schaden zu klagen und um ernstliche Abhilfe dieser Ungebühr zu bitten. Der Kaiser schenkte auch den Bittstellern Gehör, und verbot zwar nicht den Privatgebrauch des Zittauer Bieres, erteilte aber von seiner Residenz Ofen in Ungarn aus den Befehl: »daß hinfüro Niemand das Recht fremdes Bier zu schenken, anderthalb Meilen ringsum Görlitz zu rechnen, führen solle, widrigenfalls die Görlitzer die Dawiderhandelnden als Verbrecher ansehen, nach Gelegenheit der Sachen strafen und das Bier wegnehmen möchten.« Ebenso schrieb der Landvoigt Wartenberg auf Teschen, an den sich die beleidigten Görlitzer gleichfalls gewendet hatten: »er habe den Zittauern befohlen, die Sache nicht weiter zu treiben.« – Schon längst hatte die Görlitzer Jugend eine Gelegenheit gesucht, sich an den Zittauern und deren Anhängern zu rächen; auf Grund der kaiserlichen Weisung nun begab sie sich an diejenigen Orte, wo, ihrer Meinung nach, heimlich Zittauer Bier verschenkt wurde, und zerschlug dort sämtliche Gefäße. Zwar wollte jetzt der böhmische König Wladislaw vermittelnd einschreiten, allein keine Partei hörte auf ihn. Die Zittauer sandten, uneingedenk des kaiserlichen Verbotes, abermals eine große Ladung Bier in das Görlitzer Weichbild und die Görlitzer schickten ihnen eine Anzahl Bewaffneter entgegen, welche zwischen Ostritz und Hirschfelde, im sogenannten Busch, auf die Zittauer einhieben, sich des Bieres bemächtigten, sämtlichen Fässern Spund und Boden ausschlugen und den ganzen Inhalt auslaufen ließen. Seitdem heißt noch heute der Schauplatz dieser Heldentat die »Bierpfütze«.