Der Wein, einst der Göttertrank, den die seefahrenden Gaugenossen aus endlos weit entlegenen, unbenannten, sonnigen Himmelsstrichen, die viele viele Jahrhunderte später ein kühner Spanier der Menschheit entdecken sollte, unter Fährnissen aller Art zu den heimischen Gestaden brachten, wurde durch die römischen Eroberer in deutschen Gauen allgemeiner bekannt. Und römisch ist sein äußeres Gewand den Deutschen geblieben bis zum heutigen Tag.

Aus dem lateinischen vinum wurde Wein, aus mustrum Most, aus lora Lauer, aus mosa Maß, aus amphora Eimer, aus vas Faß, aus cupa, cupella Kübel, aus calvatorium Kelter, aus cella Keller und noch manch anderes mehr.

Lernten nun auch die Deutschen verhältnismäßig früh den Wein kennen und schätzen, sei es in Italien selbst, wohin sie in Kriegsdiensten, als Geiseln oder als Gefangene kamen, sei es durch die in Germanien erschienenen Römer, oder durch Tauschverkehr mit seefahrenden Südländern, so vergingen doch noch Jahrhunderte, ehe sie selbst die erste Rebenpflanze in die Erde senkten. Die Einführung des Weinbaues in Gallien knüpft sich an die Gründung der griechischen Kolonie Massalia. Er blieb jahrhundertelang auf die Umgebung dieser Stadt beschränkt und verbreitete sich zunächst nur über den südlichsten Teil der provincia Narbonensis und Aquitanien bis in das Gebiet der Bituriger an der Garonne. In augusteischer Zeit war er im nördlichen Teil der narbonensischen Provinz noch unbekannt. Im ersten Jahrhundert drang er weiter nördlich bis in das Gebiet der Allobroger vor und verbreitete sich sodann, vielleicht bereits gegen Ende des ersten Jahrhunderts, sicherlich im darauffolgenden, weiter im übrigen Gallien und im Moseltal, gleichzeitig überhaupt am linken Rheinufer, in Rheinhessen, der Pfalz wie im Elsaß. Ob auch am rechten Rheinufer von den Römern Weinbau getrieben wurde, läßt sich nicht entscheiden. Wenn dieses der Fall war, sind diese Kulturen nach Verlust des rechtsrheinischen Germaniens ebenso zu Grunde gegangen, wie hier das römische Leben überhaupt vollständig aufhörte. Erst in merowingischer Zeit erblühte in diesen Gegenden der Weinbau, wie denn beispielsweise im Rheingau die Hauptlagen nachweislich erst sehr viel später gerodet und in Kultur genommen sind.[83] Der Wein selbst, manchmal auch die Rebe, gelangte von Gallien zu den benachbarten Germanen, »die mit Aufnahme dieses Produktes den Pakt mit gallisch-römischer Kultur schlossen«. In Italien betrachtete man den Weinbau in den Provinzen mit scheelen Blicken. Kaiser Domitian befahl, wenn auch vergeblich, die Hälfte aller außerhalb Italiens befindlichen Weingärten dem Erdboden gleich zu machen.[84] Erst Kaiser Probus hob 281 n. Chr. Geb. diesen Befehl nicht nur auf, sondern begünstigte, besonders in Gallien, Pannonien und Mösien den Weinbau derart, daß man diesem Soldatenkaiser später geradezu die Würde eines Weinheiligen zuerkannte.[85]

Wenn sich in früherer Zeit gewisse germanische Stämme gegen die Einfuhr des Weines aufgelehnt hatten,[86] da sie seinen Genuß für verweichlichend hielten, so verlor sich dieser Widerwillen doch mit der Zeit, und bereits 276 n. Chr. Geb. sind deutsche Weinberge geschichtlich nachweisbar, die vielleicht schon viel länger bestanden haben mögen, meist von den römischen Soldaten gepflanzt, die nachgewiesenermaßen ja auch die Ufer des Rheines mit Weingärten umsäumten. Und nicht nur am Rhein, auch an den sonnigen Hügeln des unteren und mittleren Neckars bauten sie sich ihre Weingärten, um den von der Heimat her gewohnten Trank zur Hand zu haben, wenn die Lebensmittelzufuhr einmal ausblieb. Und war der Trank auch nicht so gehaltreich wie der unter dem ewig blauen Himmel Italiens gereifte, so sagte er doch den Fremdlingen immer noch besser zu, als das Bier der eroberten Länder und der landesübliche Met, der so rasch und gründlich berauschte. Darum waren es egoistische Gründe, die sie den Spaten in die Hand nehmen hießen, um jene Anlagen zu schaffen, die sie dann nach ihrem Abzug aus den germanischen Gauen als kostbares Andenken hinterließen. Dem Schwabenlande soll, der Sage nach, der heil. Urban, der von 223–230 auf Petris Stuhl saß und unter Alexander Severus den Märtyrertod starb, gelehrt haben die Rebe zu pflanzen und die Trauben zu keltern, weshalb man ihn auch jetzt noch in Württemberg als Schutzpatron des Weinbaues feiert. Im vierten Jahrhundert waren bereits die Ufer der Mosel von Trier bis Koblenz reich mit Reben besetzt. Der Dichter Ausonius (geb. 309 zu Burdigala, dem heutigen Bordeaux, gest. 395) lobt in seiner »Mosella«, einer poetischen Schilderung einer Rhein- und Moselreise von Bingen bis Trier, die Mosel mit den begeisterten Worten:

Wie stolz am Uferhang die Klippen ragen,
Wie schön auf Hügeln Bachus Gaben sprießt!
Und wie, in sanftem Hauch dahingetragen,
Mosella's holde Woge murmelnd fließt!

Gruß dir, o Strom, dem alle Dank hier sagen,
Wer immer deines Wohltums nur genießt!
Die Stadt, des Kaisersitzes wert befunden (Trier),
Sie ist nur dir zu Dank dafür verbunden.
Von Rebenhöh'n und Wiesengrün umzogen usw.

und weiter Vers 161:

Bis zur äußersten Höhe der sanft abneigenden Bergwand
Ist das Gewände des Flußes bedeckt mit grünender Rebe.[87]

Er lobt ferner das feine Aroma der Moselweine, die er den Gewächsen seiner Heimat Bordeaux gleichstellt. Ausonius hat die Deutschen gerne, denn ein goldhaariges, blauäugiges, sanftes Schwabenmädchen, das er als Gefangene erworben, hat ihn für die Deutschen eingenommen. Sie begeisterte den alternden Mann zu den Versen: