Bist du Römerin auch worden,
Strahlt doch deutsch noch dein Gesicht.
Himmelblau dein Aug vom Norden,
Golden deiner Locken Licht.
So verraten Aug und Haare
Dich als Kind vom deutschen Strom …

Venantius Fortunatus (geb. um 530), der sich in den Jahren 567–580 unter den Merovingern aufhielt, spricht von den Weinbergen bei Metz und Trier an der vinisera Mozella, die er preist:

Frucht zu erbringen bezwingt man sogar den starrenden Schiefer.
Selbst, der Felsen gebiert, und es entströmet der Wein;
Allwärts siehst du die Höhen, umkleidet mit grünender Rebe.

Auch von den Weinbergen bei Andernach im Rheintal weiß er zu erzählen. Vor Fortunatus, im fünften Jahrhundert, bewunderte der heil. Severin den Weinbau in Rhätien, der, nach Cyriakus Spangenberg, durch Kolonisten von der Mosel dorthin gebracht worden sein soll.[88]

Vom fünften Jahrhundert an standen die Weinberge unter dem Schutz der Gesetze. Das von Chlodwig 421 verfaßte Salische Gesetz bestraft die Entwendung eines Weinstockes mit fünfzehn Schillingen. Nach den Verordnungen des Langobardenkönigs Chlotar (657) war es nur gestattet, drei Trauben einem fremden Weinberg zu entnehmen.

Im sechsten und siebenten Jahrhundert gewann der Weinbau in den Rheinufergegenden eine immer größere Ausdehnung. Bereits im achten Jahrhundert fanden hier Schenkungen von Weinbergen an Stifte und Klöster statt,[89] ja sogar schon 638 verschenkte der Frankenkönig Dagobert alle seine Güter und Weinberge in Lobdengau an das Stift St. Peter in Worms.[90] Karl der Große, dessen Riesengeist nicht nur das bis zu seiner Zeit zersplitterte Germanien zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuschweißen und geistig und sittlich zu heben wußte, so daß sein Auftreten der Beginn einer neuen Kulturära bedeutet, sorgte wie für so viele Zweige des Fortschrittes auch für den Weinbau. In seinen Kapitularien finden sich bis ins Nebensächlichste gehende Anordnungen, wie die Reben zu pflanzen, die Weinberge zu besorgen, die Beeren zu behandeln und zu pflücken seien. Er wollte nicht, daß die Trauben mit bloßen Füßen ausgetreten werden; sie sollten in eigenen Keltern, den sogenannten Truttas, die in dem schwäbischen Worte Trotte für Presse fortleben, ausgepreßt und der Most in reine Gefäße eingegossen werden. Ferner befahl er den Wirtschaftern, für das Anpflanzen von Fechsern zu sorgen. Durch Aushängen von mindestens drei bis vier Kränzen war anzuzeigen, wenn die Weinernte zum Verkauf gestellt würde. Dieses Kranzausstecken erhielt sich bekanntlich, namentlich in Süddeutschland, bis zum heutigen Tag. In späterer Zeit wurde dieses Kranzschild das Wahrzeichen der Schenken, gleichviel ob man Wein oder Bier verzapfte: »Wenn man ein schoeblin ußsteckt, daz ist ein zeichen, daz man bier da feil hat«, sagt Geiler von Kaisersberg. In den kaiserlichen Kranz- oder Reifwirtschaften wurde jedoch nur der geringe Wein zum Verkauf gebracht, der bessere mußte an die Hofkellereien abgeliefert werden, wie das ja immer war. Die Untertanen hatten im Schweiße ihres Antlitzes dafür zu sorgen, daß es dem Herrn an nichts gebrach. Für die Produzenten war der Abhub gerade gut genug.

Karls Verbot, die Trauben mit den Füßen zu zertreten, scheint nicht mit genügender Strenge durchgeführt worden zu sein; diese uralte Sitte hat sich bis jetzt erhalten, trotz aller hygienischen und ästhetischen Bedenken, die übrigens schon die Vergangenheit mit uns teilte. Denn Petrus de Crescentius, der Begründer der Agronomie in Europa (1230–1310) fordert in seinem »Opus ruralium commodorum« libri XII (Augsburg 1471), daß die nackten Füße wenigstens rein seien, der Kelterer nicht aus dem Kelter aus- und einlaufe, während des Kelterns nicht esse und trinke und genügend bekleidet sei, um den jungen Wein nicht mit Schweiß zu vermengen usw. Wo Karl der Große geeignetes Land entdeckte, ließ er es mit Reben bestellen. So erzählt über die Entstehung des edlen Ingelheimers folgende Sage: »Einst geschah es, daß der Herrscher aus seiner Pfalz nach den Bergen hinüberschaute und bemerkte, wie die Sonne sie schon im März so warm beschien, daß der Schnee wegschmolz, das junge Gras hervorsproß und die Bäume sich belaubten. Da kam ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo noch ein finsterer Wald lag. Rasch verschwand dieser unter den Äxten der geschäftigen Arbeiter, und die Erde nahm die aus Ungarn, Italien, Spanien, Burgund, der Champagne und Lothringen gebrachten Reben auf, die bald einen herrlichen Wein lieferten.«[91]

Fand Karl Weinberge vor, so suchte er die Reben zu veredeln. Alle von Karl neu eingeführten Weinsorten belegte man mit dem gemeinsamen Namen fränkische Weine, im Gegensatz zu den alten Weinsorten, die unter dem Namen hunnische oder heunische Weine zusammengefaßt wurden. So hatte der Herr zu Eppenstein im Dorfe Niederluderbach bei Höchst 1483 Anspruch auf »zwei halb firtel wins, eins frensch (fränkisch) das ander hunesch in zweyen orenkannen ein Kangelidt (mit Deckel) die ander angelidt«. Der Name stammt wahrscheinlich von den Hunnen her, die 451 nach Attilas Niederlage auf dem nach ihnen benannten Hunnsrück zurückgeblieben waren und hier pannonische Reben anpflanzten.

Die Wertschätzung Karls des Großen für den Wein entsprang rein nationalökonomischen Gründen, denn er selbst war das Muster der Mäßigkeit. Genoß er doch bei Tisch höchstens drei Becher, »denn die Trunkenheit verabscheute er an allen Menschen aufs äußerste und erst an sich selbst und seinen eigenen Leuten«.[92] Übrigens gab er auch bei der Neubenennung der bis dahin lateinischen Monatsnamen dem Oktober den Namen Windumemanoth, d. h. Weinlese-Monat, althochdeutsch windemôn vom lateinischen vindemia = Weinlese, woraus das volkstümliche wînmanot = Weinmonat entstand.

Im Thurgau, Breisgau und am Bodensee kommen Weinberge bereits im siebenten Jahrhundert vor. Während des neunten Jahrhunderts gelangte der Weinbau in der Schweiz, in Tirol und im südöstlichen Deutschland zur vollen Blüte. Ludwig der Fromme, Karls Sohn und Thronerbe, förderte wie sein Vater die Rebenzucht und ihm und seinen Nachfolgern dankt Alamannien seine Weinberge. Im elften Jahrhundert finden sich die ersten Spuren des Weinbaues bei Göttingen und Hildesheim; 1150 führten Rheinländer, die Albrecht der Bär gastlich aufgenommen hatte, die Rebenkultur in der Altmark ein. 1285 heimste Stendal so viel Wein ein, daß es damit Handel treiben konnte und drei Jahrhunderte später waren ertragreiche Weingärten bei Lübeck, in Mecklenburg, bei Rathenow an der Havel und bei Guben in der Lausitz vorhanden. Gubenscher Wein war in ganz Norddeutschland verbreitet und sogar an Fürstentafeln geschätzt.