Doch das Lob, das allerorts dem Weine von Johannisberg gespendet wurde, verscherzten sich seine Winzer durch ihr Betragen. 1462 wurde das Nonnenkloster wegen der Zuchtlosigkeit seiner Insassen aufgelöst und den Mönchen ging es nicht viel besser. Sie wurden liederlich, vernachlässigten die Weinkultur, die zurückging, wodurch ihr Kloster so starke Einbußen erlitt, daß sie nahezu verarmten. Nach verschiedenen wechselvollen Schicksalen wurde das Kloster 1552 von dem wilden Markgrafen Albrecht von Kulmbach in Asche gelegt, dann wieder aufgebaut und nochmals im dreißigjährigen Krieg von den Schweden dem Erdboden gleich gemacht. 1641 verpfändet an den Reichspfennigmeister Hubert von Bleymann, dann von Napoleon (1807) an den Marschall Kellermann verliehen, kam das Weingut 1816 an den Fürsten Metternich.[94]
Ein gefährlicher Rivale erstand dem Johannisberger in dem 1177 von Mönchen der Cisterzienser Abtei Eberbach angelegten Weingarten Steinberg.
In den Kellern dieser Stiftung Bernhards von Clairvaux lagerten ehemals die edelsten Weine des Herzogs von Nassau. Aus einer achtzig Morgen großen Wüstenei, die die Mönche mit eigener Hand urbar gemacht und mit einer zwölf Fuß hohen Mauer umzogen, erwuchs den Eberbachern ein Ertrag, der sie zur Zeit der Hansa und des rheinischen Städtebundes zum bedeutendsten Weingroßhändler der Erde machte, dessen eigene Schiffe das Weltmeer befuhren, deren berühmtestes »die Ebersbacher Sau« benannt war.
Weitere berühmte Weinsorten in Mönchshänden waren: die berühmte Blume des Hocks, der Hochheimer, der Domdechanei von Mainz; der auf die charakteristischen Bocksbeutelflaschen abgezogene Stein- und Leistenwein erwuchs in der Nähe der Stadt und ganz nahe an den Wänden des Schlosses der Fürstbischöfe von Würzburg.[95]
Als der deutsche Ritterorden die Eroberung Ostpreußens vollendet hatte, zog er Kolonisten aus den benachbarten sächsischen und wendischen Staaten herbei. Besonders der Hochmeister Winrich von Kniprode – nomina sunt odiosa; Win-rich gemahnt an Wein wie Knip-rode an Kneipe – ließ für schweres Geld erfahrene Winzer aus Italien und Süddeutschland kommen, um Weinberge bei Rastenburg, Lüneburg, Polska, Hohenrode, Tapliau und Thorn anzulegen. Selbst in Memel, Tilsit und Königsberg wurde Eigenbau getrunken. Im Jahre 1379 belief sich die Ernte aller Weinberge des Hochmeisters auf sechshundertacht Tonnen, die teils eingekellert, teils ausgeschenkt wurden. Vor allem versorgten die Weinberge bei Thorn die Ordensritter mit Wein zur Messe und zu den Gelagen. Als Herzog Rudolf von Schwaben (1363) in der Marienburg als Gast weilte, mußte der Mundschenk beim Schluß der Tafel einen großen goldenen Becher mit Thorner füllen, den zuerst die Gäste, dann der Hochmeister und zuletzt die Ritter auf gut Kriegsglück leerten. Da rief Rudolf: »Langt mir noch einmal den Becher her! Der Trank ist Öl, davon einem die Schnauze klebt!« Und den neugefüllten Pokal leerte der Bayer unter dem hellen Jubel der Zechkumpane auf das Andenken Kaiser Ludwigs des Bayern.
Seitdem die Weinkultur in Ostpreußen verschwunden ist, bildet die Mark Brandenburg die nördlichste Weingrenze Europas. Im sechzehnten Jahrhundert erlangte der märkische Weinbau seine höchste Blüte. Von der Quantität des hier gezogenen Weines kann man sich einen Begriff machen, wenn man die alte Nachricht liest, daß ein einziger Weinberg bei Tasdorf hundertfünfzig Tonnen Wein ergab. Wie die Qualität war, darüber schweigt sich allerdings mein Gewährsmann gründlich aus.
Riesenthal und Oderberg in der Mark hatten zwanzig Tonnen weißen und ebensoviel roten Wein an das Berliner Joachimsthalsche Gymnasium für die Lehrer und Schüler zu liefern, und in der Neumark war der Landwein billiger als das Krossener Bier.
Durch die zielbewußte Feldwirtschaft der Geistlichkeit konnte eine Überproduktion nicht ausbleiben. Sie heimsten weit mehr Naturalien ein als sie selbst verbrauchten. Wenn auch ein Teil ihrer Erträgnisse darauf verwandt wurde, die Vorratskammern ihrer Gönner zu füllen, oder durch Verteilung neue Freunde zu schaffen – wie jener Abt von Citeaux, Jean de Bussières, von Papst Gregor XI. in Avignon als Gegenleistung für dreißig Fässer Beaune und Chambertin den Kardinalshut erhielt – so reichten in besonders gesegneten Jahren die groß angelegten Speicher und Keller der reichen Abteien und Stifte nicht aus, die Ernte aufzunehmen. Im Kloster St. Gallen nahm im zehnten Jahrhundert der Weinvorrat derartige Ausdehnung an, daß volle Weinfässer, von Hütern bewacht, unter freiem Himmel lagen und sich höherstehende Leute Rotwein zu trinken weigerten. Eines dieser reich gesegneten Jahre war 1332, das eine unerhörte Fülle von Wein brachte. Raudisacker bei Würzburg sandte als Zehnten zweihundertsechzig Fuder, ein Jahr später nur zwölf Fuder an die geistliche Herrschaft. »Was vil wins gewaisen, den man noimpde den bodenwin«, sagen die Kölner Jahrbücher darüber.
Wie diese Raudisacker waren unzählige andere Dörfer der Geistlichkeit zins- und frohnpflichtig, denn die frommen Herrn hatten von jeher den bekannten guten Magen, den sie sich um so voller stopften, als in der Zeit vor der Reformation die Ehrfurcht vor Kutte und Tonsur alle ihre Übergriffe guthieß. Das Gebahren der Klerisei war zu lukrativ, um nicht in den Kreisen der Feudalherrn, von hoch oben an bis herab zum Ritter, der auf seinem halbverfallenen Steinhaufen ein armseliges Leben führte, begeisterte Anhänger und Nachtreter zu finden.