Hohem Besuch brachte der Rat einer Stadt als Ehrengeschenk sehr häufig Wein dar, der entweder durch seine Güte oder durch die Menge des Geschenkes imponieren sollte. Als Kaiser Sigmund 1414 nach Straßburg kam, schenkte ihm der Magistrat drei Fuder Wein und »ein silbern übergült Gießfaß wohl werth«. Herzog Heinrich von Liegnitz erhielt 1576 vom Kölner Rat dreißig tönerne Krüge mit Wein, jeden drei Quart haltend. Vordem hatte der Rat den Wein in silbernen Gefäßen gesandt, die in tönerne umgeleert wurden, bis ein Graf von Arberg einst die silbernen Flaschen nicht mehr herausgegeben hatte. Seitdem war man vorsichtiger geworden.[132]

Die Weinlese stand natürlich unter behördlicher Aufsicht. »Zur Zeit des Herbstes, wenn die Trauben schon reif sind«, erzählt Johannes Boëmus, »darf keiner früher lesen, ehe es die Herren, denen der Zehnte zusteht, erlaubt haben; nicht liest heute der, morgen der, sondern so viele an einem Berg Weingüter haben, lesen in ein bis zwei Tagen alles, und es wird bekannt, daß heute auf dem, morgen auf dem gelesen wird. Die Zehnten werden im Tal unter den Weinbergen in Empfang genommen und wer später als es angeordnet ist lesen will, muß nicht bloß die Erlaubnis sich erwirken, sondern auch auf seine Kosten den Zehnten nach dem Kelter des Herrn schaffen. Zu Würzburg wird jedem Lesenden, ich denke wegen Betrügereien in Bezug auf den Zehnten, ein junger Mann beigegeben, der sorgsam aufmerkt und immer das zehnte gelesene Faß ohne Betrug seinem Herrn zu geben anordnet. Nach Beendigung der Lese kommen die Burschen alle auf freiem Felde zusammen und versehen sich mit ein bis zwei Fackeln, aus dem Stroh gedreht, das zu diesem Zwecke angefahren ist, zünden sie gegen die Nacht an und ziehen singend in die Stadt ein. Auf diese Weise, sagen sie, reinigen sie und brennen den Herbst aus. Die Tage des Martinus und Nicolaus, der heil. Bischöfe, feiert das Volk in Franken mit wunderbarer Freude und Festlichkeit, jedoch verschieden, den einen in der Kirche und am Altar, den andern am Tische und in der Küche. Da ist im ganzen Lande keiner so arm, keiner so geizig, daß er am Feste des heil. Martin nicht gemästetes Geflügel oder wenigstens gebratene Schweins- oder Kalbswürste (suillo vitalinove viscere assato) ißt, dem Wein nicht ungezwungen zuspricht.«

»Jeder kostet da seinen neuen Wein, dessen er sich bis dahin enthielt, und gibt allen zu kosten. In Würzburg und den meisten Orten wird auch den Armen aus Frömmigkeit Wein verteilt. Öffentliche Schauspiele werden veranstaltet: zwei oder mehr knirschende Eber werden in einen Kreis eingeschlossen, damit sie sich gegenseitig mit den Hauern stückweise zerfleischen; das Fleisch der Gefallenen wird teils dem Volke, teils den Vornehmen zugeteilt. Am Sankt Niklastage aber wählen die Jungen, die zu ihrer Erziehung die Schule besuchen, unter sich drei: einen, der den Bischof, und zwei, die die Diakonen spielen. Dieser (Bischof) wird an demselben Tage von dem Haufen der Schüler feierlich in die Kirche geführt und leitet mit einer Infula auf dem Haupte den Gottesdienst, nach dessen Beendigung er mit einigen Auserwählten singend von Haus zu Haus Geld einsammelt; das ist kein Almosen, sondern die Bischofssteuer. In der Nacht vor dem Feste fasten die Kinder und werden dann von den Eltern angehalten, weil sie überzeugt sind, daß sie die Geschenke, die des nachts in die zu diesem Zweck unter den Tisch gestellten Schuhe gelegt werden, von dem freigebigen Bischof Nicolaus erhalten; deshalb fasten die meisten so eifrig, daß sie zum Essen gezwungen werden müssen, weil man für ihre Gesundheit fürchtet.«[133]

Meist wurden die Weinlesefeste am Sankt Martinstag abgehalten, doch setzen sie sich gewöhnlich noch ein bis zwei Tage länger fort. Der Hochmeister des deutschen Ordens in Marienburg feierte es, wenn es nicht gerade galt, sein Mütchen an mehr oder weniger harmlosen Heiden zu kühlen, mit seinen Komthuren und Rittern im Kreise der Winzer, wobei zwei Tonnen Wein und acht Tonnen Bier aufgebraucht wurden. Häufig ließen die edlen Ritter von Marienburg, deren Charakterbild in der Geschichte recht verdächtig schwankt, im Kriege am St. Martins-, also am Weihnachtstag, Waffenstillstand eintreten, um sich, wie an vielen anderen Tagen des Jahres, gründlich auszutoben. Ihren »Feinden« kam das nicht unwillkommen, denn an einem solchen Tage wurden sie nicht hingeschlachtet, ihre Weiber und Kinder entgingen der Gefangenschaft, und ihre friedlichen Anwesen wurden nicht niedergebrannt – ad majorem dei gloriam! Sie mögen daher den Wein so innig gesegnet haben, wie er es, freilich aus anderen Gründen, verdiente.

Der geerntete Wein kam in die Keller, die nicht nur in jedem größeren Anwesen, sondern auch in jedem besseren Bürgerhaus vorhanden waren; denn auch in diesen Privatkellereien wurden mitunter ganz gewaltige Mengen Stoffes eingelagert. Von den Wiener Kellern sagt Aeneas Sylvius: »die Weinkeller sind so tief und weitläufig, daß man gemeiniglich sagt, sie machten ein unterirdisches Wien aus, das demjenigen, welches auf der Oberfläche steht, an Größe nichts nachgibt«,[134] und hundert Jahre später (1548) bestätigt dies der Schulmeister Wolfganz Schmeltzl in seinem »Lobspruch«:

Die gantz Stadt ist sogar durchgrabn,
So weit vnd tieffe Kheller habn,
Vol angesteckt mit khulem wein,
Möchten nit pesser, khuler sein.

Über große Lagerräume mußte auch Anton Tucher verfügen, denn er verbrauchte in den Jahren:

150742EimerWeinund55EimerBier
150841½"""55""
150947"""54""
151054"""70""
151150"""59""
151252"""62½""
151345"""59""
151448½"""53½""
151542½"""60""
151646"""61""

also im Jahre durchschnittlich 2500 l Wein und 3600 l Bier zum Preise von 95 bezw. 33 Gulden nach heutigem Wert etwa 4800, resp. 1650 Mark, demnach über sechstausend Mark allein für den Trank – ein ganz nettes Sümmchen!