In der Geschichte des deutschen Durstes darf auch der St. Martinstag nicht übergangen werden, da dieser große Tag, der 11. November, dem heil. Martin geweiht ist, dem Patron der Trinker, dem zu Ehren man das schöne Lied sang:
O Marten, o Marten!
Der Korb muß verbrannt sein,
Das Geld aus den Taschen,
Der Wein in die Flaschen,
Die Gans vom Spieß! …
St. Martinus wird von beiden Konfessionen mit gleicher Unparteilichkeit gefeiert, denn denken die Katholiken an ihren Bischof von Tours, der dem in Bettlergewand nahenden Heiland seinen Mantel gab, so ist den Protestanten Martinus von Eisleben Grund genug, den 11. November zu begehen, wie eine Nordhauser Sage beweist.
Luthers Nordhausener Freunde, Prediger Justus Jonas und der Bürgermeister Meinberg luden einst den Reformator ein, seinen Geburtstag bei ihnen zu begehen. Luther folgte der Einladung. Als nun die drei Männer gemütlich beieinander saßen, fiel ihnen ein, daß am nächsten Tage das St. Martinsfest in der katholischen Kirche feierlich begangen werde, und daß es in ihrer Macht stehe, ihr Fest ebenso zu feiern. Die Kerzen wurden besorgt und brannten abends auf den Familientischen, das ganze Haus festlich beleuchtend.
Eine andere Lesart von der Entstehung sagt, daß einst zwei ehrsame Schuster, die vom Markte in Sondershausen gekommen wären, Luther auf der Landstraße getroffen hätten. Es dunkelte bereits und sie baten den verehrten Mann, mit ihnen in ihrer Herberge zu Nordhausen einzukehren. Das habe Luther getan. Den Neugierigen, die aus den Fenstern schauten, riefen sie zu:
Herr Martin kommt, der brave Mann –
Zünd't hunderttausend Kerzen an!
Da man diese Verse aber auch in Hannover kennt, so ist es möglich, daß diese Feier sich mehr auf den Bischof Martin von Tours bezieht, der seiner Tugenden willen hoch geehrt wurde. Jedenfalls aber ist das Nordhausener Martinsfest ein besonderes Fest geblieben bis auf die Jetztzeit, das von den Schuhmachern vorzugsweise gefeiert wird.
In den Chroniken finden sich Berichte von den Gesellschaften der »Martinsbrüder«, deren einziger Zweck es war, sich am 11. November bei Schmausereien zu vergnügen, die oft in wüste Gelage ausarteten.
Wer nich vull sick supen kann,
De is ken rechte Martensmann!
In jenen genußfrohen Zeiten flammten am Rhein Leuchtfeuer auf den Höhen und im Tal auf; in den Straßen der Städte liefen arme, mit Strohbündeln umwundene Buben lärmend von Haus zu Haus, um Holz und Stroh bettelnd. Vor den Toren ward dann dieses Holz auf einem Scheiterhaufen verbrannt und die Jugend umtanzte mit ihren Fackeln die Flammen.