Bald ließen sich die Bürger an dem einen Tage nicht mehr genügen. Man dehnte die Festfreude über eine ganze Woche aus, die am 4. November begann und mit dem St. Martinstage endete, und die man die Schlampwoche nannte. Diese Schlampwoche stand im Zeichen der Martinsgans, die gründlich mit jungem, süßen Most angefeuchtet wurde.
In Schmalkalden wurde früher an alle Einwohner der Stadt am Martinstage Most verteilt. Der Stifter dieser Mostspende hieß Most-Märten, und sein Bild hängt im dortigen Rathaus. Die Sage erzählt, daß Most-Märten, ein Bürger der Stadt, sich einst verirrt habe. Da hörte er die »große Oster«, die größte Glocke der Stadt läuten, ging dem Klange nach und erreichte glücklich die Stadt. Aus Freude über seine Rettung aus Gefahr machte er diese Stiftung, während deren Verteilung die große Oster ununterbrochen läutete.
Der Volksglaube mancher Ortschaften behauptet sogar, der heilige Martin könne an seinem Feste Most in Wein verwandeln. Die Kinder der Halleschen Halloren glaubten ehedem sogar an die Verwandlung von Wasser in Wein und stellten, um den St. Martin zu dieser Wandlung zu veranlassen, Wasserkrüge in die Saline.
Darum hieß in manchen Weingegenden der zu Martini gekostete Wein »Martinswein«, wovon ein alter Spruch noch Kunde gibt: »Heb an Martini, trink' Wein per circulum anni.«
Auf den Martinstag fiel auch vielfach die Weinlese, die meist zwei volle Tage währte. Ferner herrschte die Sitte, daß die Kinder ihren Lehrern und den Pfarrern einen Martinstrunk darbrachten, wie sich noch heute im Böhmerwald das Landvolk am Martinstag Schönheit und Stärke zutrinkt, wie in der ersten Jahreshälfte mit dem Pfingsttrunk. Darum galt auch den Winzern der Martinstag als Lostag. So viel Sterne sie am Abend am mächtigen Himmel zählten, so viele Ohm gab ihnen die nächste Weinlese. Am Weinheiligen St. Martinstag wurde auch das große Heidelberger Faß 1752 zum erstenmal gefüllt, was durchaus kein Zufall war.
Martinsgans und Martinstrank waren unzertrennliche Begriffe, die manch ein Poet der Vorzeit in einem Atem verherrlichte:
Herbei, herbei zur Martinsgans,
Herr Burkart mit den Bretzeln – jubilemus!
Bruder Urbar mit den Flaschen – cantemus!
St. Bartel mit den Würsten – gaudeamus!
Sind alle starke Patronen,
Zur feisten Martinsgans.