Den Schlaffdrunck aber pflegt man gemeinlich auf diese weiß ongeverlich anzurichten:
Erstlich so muß alles was unter der Sonnen guts ist, dem Schlaffdrunck dienen, solches aber muß der Hausherr zuvor bestellen und anrichten, derselbige gibt jedem Diener seinen besondern Befehl. So ist die Speißkammer zuvor zugerüst, stehet an der Handt, daraus fordert man Wein, Brot, Kerzen, Liechter und alles was der Hausherr zuvor befohlen hat. Zudem so sind die Gemach und Tisch auf das allerköstlichst gerüst und zubereit, die Kerzen und Liechter brennen an allen Orten, dann tragen die Diener auf, kalt Gebratenes, allerhand Wildpret, Cappaunen, Phasanen, Feld- und Haselhüner, vielerley Gevögels, mancherley Pasteten von Fischen und Wildpret bereit. Darneben stellt man auch Fischwerk, als gebraten Forellen, gebraten Hecht, gebraten Salmenruck, Briken und andre Bratfisch mehr. Etwan stellt man Fleisch und Fisch Galregen zusammen, oder kalte gesottene Rinder- und Kalbsfüß in Essig darbey.
Zum andern werden aufgetragen viel köstlicher wolbereitter Latwergen, allerhand Obst und Spezerey, in Zucker und Honig candirt und eingemacht, als die saure Amarellen, Kirschen, Johannisträubel, Sawrachbeerlin, Schlehen, Pflaumen, Spilling, Möllelin, Nespelin, Speirling, Quitten und Byrn, dazu die edle Weintrauben, unzeitige grüne eingebeitzte Baumnuß, mit Specereyen besteckt; darnach kommen auf den Platz rothe Rüben, vil und seltsame eingebeitzte Wurzeln, als der Wegwarten, Bibernellen, desgleichen Limonen, Citronaten, Pomeranzen, phalot, auch Muscatnuß, seltsame Kost aus den Apoteken, als Mirabalani und dergleichen viel. Weiter bringt man aus der Speißkammer Dattel, Feigen, Zwiebeln, Rosein, grüne Mandeln, rothe Haselnuß, grüne Baumnuß, Castanien und anders. Unterdeß so braten auch die Quitten-Äpfel, die Byrn und Castanien in den heißewteschen, so bereit der Koch daneben auf den Kolen das weiß Brot zu den Träsaneien. Aus der Speißkammer werden auch getragen die schönste übergulte Confect von Mandel, Canel, Ingber, Muskaten, Coriander, Fenchel, Anis, Kümmel und das klein Leisam-Confect,[192] gleich dem weißen Magsamen, das alles wird züchtiglich und mit Fleiß zum Schlafdrunk fürgetragen.
Zum dritten schikt der Koch seltsam gebachenes mit den Dienern in die Gemach, dazu Fladen, Honigkuchen, Hyppen, und schöne vergulte Marcipan mit seltsamen Wappen, seind aus Mandel und Zucker bereit.
Der Keller hat die allerbeste Käse, heimisch und frembde zu wege gestelt, und darneben das Obst als Aepfel, Byrn, Träubel und was für Obst jeder Zeit zu bekommen ist. Noch ist das alles nichts, denn es mangelt noch an Hauptstücken, nemlich an Wein und an Brot, das sollt man am ersten haben aufgetragen, als weiß Brot, Eyerkuchen, Bretzeln und die allerbesten stärksten Wein, deren etlich weiß, etlich roth und schwarz, Firnen und Newen, süße Wein, rösche (herbe) Wein, als Rappis-, Kirschen- und Schlehenwein. Dann erheben sich erst die besten Freude und Kurzweil, freuntlich Gespräch, züchtige Gesäng, liebliche Sprüch, mit hofieren und Tanzen, dazu sind vormals bestelte besondre Spielleuth, die mit der Musik und allerhand Instrumenten, so man erdenken kann, die Leut unterhalten und wissen frölich zu machen.
Etliche aber essen und trinken von Newem, andere aber haben sonst besondere Gespräch, die dritten machen Kuntschaft und newe Freundschaft, die vierten sehen allein zu und merken, daß am Kasten gar nichts mangelt, mit Verwunderung des Geprängs, und was doch zuletzt daraus woll werden.
So ist des Hausherrn Gesind zuvor auf alle Dinge ordenlich mit Worten abgericht, jedes hat Acht auf seinen Befelch und insonderheit, daß kein Mangel an Wein und Lichtern gespüret werde. Solch Spiel und Kurzweil beym Schlafdrunk weret etwan bis in die halbe Nacht, etwan auch bis an den Morgen, dann facht sich erst ein Dankscheidens an, mit vielem Erbieten und Danksagung. Ist aber jemands dem andern ein Drunk schuldig blieben, der wird etwan am Morgen desselben halb zu reden gestelt. Die andern wöllen mit wissen, was nächten geschehen seyn; lasse alle Ding bleiben. Also endet sich zuletzt ungeverlich der züchtig Schlafdrunk der Reichen, so es vermögen und zu verlegen haben.
Bey den unverständigen, wilden Weltkindern wird der Schlaffdrunk viel anderst gehalten, dann daselbst gehet es drunter und drüber. Und obwol allerhand Speiß und Dranck von Fleisch und Fischen wird aufgetragen, auch zum Ueberfluß, lassen sich doch ir etlich daran nicht genügen, sondern fahen etwan an, selbers zu kochen; der will ein Speck-Suppen, der ander begert ein Milch-Suppen, die dritten wöllen Eyer in Schmalz haben; etliche essen rohe Bücking, rohe Bratwürst und lassen ihnen Hering aus der Tonnen, also rohe, mit Essig und Zwiebeln hertragen; die andern wöllen Rettig oder zum mindesten den sawren Compost aus der Cappes-Bütten (Sauerkraut-Butte) zum Schlaffdrunck haben. Oftermals muß der Koch Weißbrot in Butter rösten, das nennen sie der Zechtbrüder Kramet-Vögel, zu Latein Scala vini, ein gute Wein-Leiter, da erhebt sich allererst das aufrichtig, erbarlich und ordentlich zudrinken an. Je zween und zween bringens andern zweyen, und also fortan mit guten Sprüchen und Kurzweil; solchs heißen sie eine herrliche, kostliche, gute, getrewe, erbare Gesellschaft, die etwan bis an den Morgen beharrlich thut währen, denn keiner will im Drunk der letzte seyn, so will auch keiner die Gesellschaft zerstören oder den ersten Anbruch machen.
In Summa, zum Schlaffdrunck wird nichts gespart, es muß die Fülle und Ueberfluß darbey sein, denn es ist und bleibt der Schlaffdrunck eine alte, langwirige, rechte gute Gewohnheit, die man aus der Acht nit soll, noch lassen kan, darumb daß unsre Vorältern, die redliche alte Teutschen, solchs alles also herbracht, und wir, derselben Nachkommen, gemelten ererbten Brauch nit wissen zu ändern oder abzuschaffen.«[193]