Wie bereits erwähnt, war das Leben der Germanen ein ewiger Kampf gegen den Durst. »Am wenigsten konnten sie den Durst ertragen«, sagt Tacitus[195] und »wenn deutsche Krieger von ihren Fürsten nur reichlich zu trinken bekamen, verzichteten sie gerne auf jede weitere Entlohnung ihrer Dienste.«[196] Diese Vorliebe für den Trunk erregte die Spottlust der den Deutschen niemals besonders geneigten Römer, die sich über die germanischen Söldner Caesars, als diese sich einige Tage vor der pharsalischen Schlacht ordentlich vollgetrunken hatten, weidlich belustigten.[197] Wie sich die Römer diese periodische Trunkenheit zu nutze zu machen suchten, habe ich bereits bei der Geschichte des Mets erwähnt.

Auf die Trunkliebe der Franken rechnete einmal der Langobardenkönig Grimuald, als er im Kampf mit ihnen sein Lager bei Rivoli samt all seinen Schätzen und einer großen Menge vorzüglichen Weines preisgab. Bereits um Mitternacht waren die Franken richtig so betrunken, daß es dem König ein leichtes war, das Lager zu überfallen und sie samt und sonders niederzumetzeln.[198]

Dabei waren die Franken nicht einmal die ärgsten Trinker unter den germanischen Stämmen. Ihnen und den Langobarden stellt sogar der heilige Bonifacius das Zeugnis aus, daß sie »nicht so sehr dem Laster der Trunkenheit ergeben seien, wie die Angelsachsen«. Die größten Trunkenbolde scheinen die Alamannen und vor allem die Heruler gewesen zu sein, denn »es galt als ein wahres Wunder«, wenn ein Heruler »nicht treulos und dem Trunk ergeben war.«[199]

Und wie wurde getrunken!

Der schon zitierte Venantius Fortunatus, der im fünften Jahrhundert Deutschland bereiste und wiederholt Gelegenheit hatte, Zechgelage zu sehen, gerät außer Rand und Band über diese Barbaren, die, hinter ihren Krügen sitzend, singen und »unsinnig wie Rasende darauf los trinken«. Wer nicht mittue, bemerkt er, der werde für unsinnig gehalten, und man könne von Glück sagen, wenn man aus solch einem Trinkfeste lebend davon komme. Daß sich einer tottrank, war gar nichts seltenes. In einem uralten angelsächsischen Lied »Von der Menschen Schicksalen« wird unter die gewöhnlichen Todesursachen des Menschen auch die Trunksucht gerechnet. Von dem im Trunke gebliebenen »sagen die Helden, daß er ein Selbstmörder sei«.[200]

Da der Germane nicht nur in Kampf und Streit, sondern auch im Trinken nach dem Heldentum strebte, so war es allgemein üblich, sich im Trinken gegenseitig zu messen. Man forderte sich zum Trinkkampf heraus und trank sich unter den Tisch.[201] Ein guter Trinker leerte den Humpen wohl auf einen Zug, »einige trinken ihn auf den zweiten aus, aber keiner ist ein so schlechter Trinker, daß er ihn nicht in drei Zügen leer brächte.« Es galt überhaupt als Unhöflichkeit, einen Becher nicht ganz zu leeren. Denn da eine Tischgesellschaft nur ein einziges Trinkgefäß benützte, so wäre einer der Tafelrunde genötigt gewesen, den übrig gebliebenen Rest, die sogenannte Bartneige zu trinken. Nicht selten wurde ein lahmer Trinker genötigt zu trinken, auch wenn dies selbst sein Leben gefährdete.

Mit der vollständigen Trunkenheit aller Gäste endigte zumeist jedes Gelage. Selbst an den Höfen der Könige »zechte man so lange fort, bis endlich auch die Diener berauscht wurden und in den Winkeln des Hauses, wo gerade ein jeder hinsank, sich dem Schlaf überließen.«[202]

Als besonders trinkfeste Gesellen galten vornehmlich die Sachsen. In einer die Körper- und Charaktereigenschaften der deutschen Stämme behandelnden alten Priamel[203] werden die Preußen und die Sachsen als arge Zutrinker gekennzeichnet. Ebenso wird in den von Wattenbach aus einer Münchener Handschrift des fünfzehnten Jahrhunderts mitgeteilten Versen[204] den Sachsen ewige Trunkenheit vorgeworfen. Wie sie es trieben, beschreibt Johannes Boëmus Aubanus Teutonicus in seinem Buche »Omnium gentium mores est«, erschienen 1535 in Lyon (III. Kap. XIII.): »Gerste und Weizen bauen sie und bereiten daraus nicht nur sehr weißes Brot, sondern auch wegen der Teuerung der Weintrauben Bier, das sie so durstig und unmäßig trinken, daß sie bei Gastmählern und Gelagen, wenn die Schenken nicht genug in die Gläser und Kannen eingießen können, ein gefülltes Melkgefäß aufstellen und kleine Schüsseln hineinwerfen, und jeglichen einladen, so viel, wie er nur will, zu trinken. Es ist unglaublich, wie viel von dieser Flüssigkeit das unmäßige Volk verträgt, wie sie sich gegenseitig zum trinken zwingen und einladen; nicht ein Schwein, nicht ein Stier würde so viel hinunterschlucken. Es ist nicht hinreichend, bis zur Trunkenheit, bis zum Erbrechen zu trinken, sondern wieder bis zur Nüchternheit, und so trinken sie vom Tage in die Nacht hinein, von der Nacht bis in den Tag. Wer alle im trinken übertrifft, der trägt nicht allein Lob und Ruhm davon, sondern auch einen Kranz aus duftenden Kräutern oder Rosen oder irgend einen anderen Preis, um den sie stritten. Ach, diese verderbliche Sitte verbreitet sich fast in ganz Deutschland, daß auf diese Weise auch die stärksten Weine getrunken werden zum unaussprechlichen Unheil. Wenn ein Fremder oder sonst jemand an einen Ort kommt, wo getrunken wird, so stehen sie, was sie auch für ein Getränk haben, auf, reichen ihm den Becher und laden ihn aufs dringendste ein, mitzutrinken. Der wird für einen Feind gehalten, der, öfters eingeladen, ohne einen Vorwand sich zu trinken weigert, und diese Schmach wird manchmal durch Mord und viel Blutvergießen gesühnt.[205]« Einen tüchtigen Trinker nannte man sogar im siebzehnten Jahrhundert kurzweg einen Sachsen. Aegidius Albertinus sagt in seinem »Lucifers Königreich und Seelengejaidt«[206]: »Wer die allergrößten Gläser, Becher und Willkomb aussaufen kann, der ist bei diesen Weingänsen der Best, wer am allerlängsten sitzen oder stehen und am längsten mit saufen ausharren kann, der ist ein tapferer Saxen Kerl.« An diesem Vorurteil gegen die Sachsen muß wohl etwas gewesen sein, denn die Vorwürfe gegen dieses trinklustige Völklein finden sich außerordentlich zahlreich in der derzeitigen Literatur, so auch in einer Art Sequenz, die von R. Pieper veröffentlicht wurde,[207] in der die Sachsen wegen ihres Mutes gelobt, hingegen als Trunkenbolde hingestellt werden. Übrigens sagt dieses Verslein auch den Elsässern, Pfälzern und Württembergern große Liebe zum Wein nach. Dann heißt es an einer anderen Stelle: »In Meißen, Schwaben und Franken ists breuchlich, das man sagt zu den gesten: »Ir müßt also für lieb nemen; habt ir nicht viel zu essen gehabt, so trinckt dester mehr. Was am essen zu wenig ist gewesen, daz mügt ir euch ans trincken erholen«,[208] während man in Sachsen, diesem Autor zufolge, mehr Gewicht auf gutes Essen legte, als auf das Trinken.

Die Deutschen insgesamt hatten sich übrigens gegenseitig in Bezug auf Liebe zum Trunk nichts vorzuwerfen, und was Ulrich von Hutten 1520 in seinem Gesprächbüchlein im Dialog »Inspicientes« von den Deutschen schrieb, hatte Geltung schon Jahrhunderte vorher und Saeculas darnach.

»Phaëton. Mir gefällt's wohl, was du von den Deutschen sagst; es ist nur zu wünschen, daß sie, die so geschickt sind, von der Trunkenheit lassen.