Sol. In Deutschland nicht.
Phaëton. Haben diese auch, wie andere Leute, Sinne und Verstand?
Sol. Wie andere, und einen guten Verstand.
Phaëton. Und speien, was sie getrunken haben, ohne Schaden wieder aus?
Sol. So ist's …«
Poggio, ein Florentiner, der auf seiner Reise mit Papst Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung nach Konstanz im ersten Viertel des fünfzehnten Jahrhunderts Deutschland kennen lernte,[209] schreibt an Julian, Kardinal von S. Angelo, darüber: »Einst war das deutsche Volk kriegerisch: jetzt kämpfen sie statt mit Waffen mit Wein und Völlerei (crapula) und haben so viel Kräfte, wie sie Wein fassen können; fehlt der, so fehlt es auch an Mut!«
Geiler von Kaysersberg spricht[210] von Leuten, die »sauffen, daß das glaß ein Krach lasset. Auß solchen hab ich einen gesehen, der soff einen solchen starcken suff, daß das glaß ein Krach ließ und entsprang in der mitt entzwei«, und Sebastian Frank, dem die deutsche Literatur auch den Traktat »Von dem greulichen Laster der Trunkenheit« (1528) verdankt, sagt in seinem »Weltspiegel«: »dazu säuft es unchristentlich zu, Wein, Bier, und was es hat.«
Dem gewaltigen Luther konnte natürlich der deutsche »Saufteufel«, welches Wort er geprägt, nicht entgehen, und er erhebt mehrfach seine Stimme dagegen, trotzdem ihm der Hofprediger und Generalsuperintendent der Mark Brandenburg, Johann Agricola (1429–1566), der erst Luthers Tischgenosse in Wittenberg, später allerdings sein Gegner wurde, unmäßiges Biertrinken vorwarf. In seiner Streitschrift »Wider Hans Worst«, erschienen 1541, schreibt er:
»Es ist leider ganz Deutschland mit Saufen geplagt. Wir predigen und schreien darüber, es hilft aber leider nicht viel. Es ist ein böses altes Herkommen im deutschen Lande, wie der Römer Cornelius (Tacitus) schreibt, hat zugenommen und nimmt noch zu.« In der Auslegung des 101. Psalms sagt er: »Der Geist, so über Italien herrscht, ist ein Hochmutsgeist, der Geist, so über Deutschland herrscht, ein Freß- und Saufgeist, der Geist, so über Griechenland herrscht, ein Geist der Lügen und Leichtsinnigkeit, der Geist, der über Frankreich herrscht, ein Geist der Unzucht und Untreue!« Dann: »Es muß ein jeglich Land seinen eignen Teufel haben, Welschland seinen, Frankreich seinen. Unser deutscher Teufel wird ein guter Weinschlauch sein und muß Sauf heißen, daß er so durstig und hellig ist, der mit so großem Saufen Weins und Biers nicht kann gekühlt werden. Und wird solcher ewiger Durst und Deutschlands Plage bleiben bis an den jüngsten Tag. Es haben gewehret Prediger mit Gottes Wort, Herrschaften mit Verbot, der Adel etliche selbst untereinander mit Verpflichten, es haben gewehrt und wehren noch täglich große, greuliche Schaden, Schande, Mord und alles Unglück, so an Leib und Seele geschehen vor Augen, die uns billig sollten abschrecken. Aber der Sauf bleibt ein allmächtiger Abgott bei uns Deutschen …«