Im Handschreiben an den »christlichen Adel deutscher Nation« (1578) fordert Luther die Obrigkeit auf, einzuschreiten gegen den »Mißbrauch des Fressens und Saufens, davon wir Deutschen als einem besonderen Laster keinen guten Ruf haben in fremden Landen. Mit Predigen ist dem hinfort nimmer zu raten, so sehr ist es eingerissen und hat überhand genommen. Es wäre der Schade am Gut das Geringste, wenn die folgenden Laster: Mord, Ehebruch, Stehlen, Gottesunehre und alle Untugend nicht folgten.«
Aus Luthers Werken ließen sich noch eine ganze Reihe von Aphorismen gegen das deutsche Nationallaster ausziehen, doch mag die Wiedergabe einer Predigtstelle, gehalten 1525, mit dem Thema »von Nüchternheit und Mäßigkeit wider Völlerei und Trunkenheit« schon deshalb genügen, weil sie einerseits des großen Reformators Eigenheit ebenso deutlich zeigt, wie sie andererseits das Thema ganz im Geiste jener Zeit behandelt.
»Hier wäre wohl not einer besonderen Predigt und Vermahnung für uns wüste Deutschen wider unsere Völlerei und Trunkenheit; aber wo wollten wir die Predigt nehmen, die da stark und kräftig genug wäre, dem schändlichen Säuleben und Saufteufel bei uns zu wehren? Aber was hilft es, hiervon viel sagen, weil es also eingerissen, daß es nun ganz ein gemeiner Landbrauch ist worden und nicht mehr allein unter dem groben, gemeinen, ungezogenen Pöbel, auf den Dörfern unter den Bauern und in offenen Tabernen, sondern nun in allen Städten und schier in allen Häusern und sonderlich auch unter dem Adel und zu den Fürstenhöfen über und über gehet? Ich gedenke, da ich jung war, daß es bei dem Adel eine treffliche, große Schande war, und daß löbliche Herren und Fürsten mit ernstlichem Verbot und Strafen wehrten; aber nun ist es unter ihnen viel ärger und mehr denn unter den Bauern; wie es denn pflegt zu gehen, wenn die Großen und Besten beginnen zu fallen, daß sie hernach die ärgsten werden; bis es dahin gekommen ist, daß auch Fürsten und Herren selbst von ihren Junkern solchs gelernt und sich nun nicht mehr deß schämen und schier will eine Ehre und fürstliche, adelige, bürgerliche Tugend heißen: und wer nicht mit ihnen eine volle Sau sein will, der wird verachtet, da die andern Bier- und Weinritter große Gnade, Ehre und Gut mit Saufen erlangen und wollen's berühmt sein, als hätten sie daher ihren Adel, Schild und Helm, daß sie schändlichere Trunkenbolde sind denn andere. Ja, was sollt mehr hier zu wehren sein, weil es auch unter die Jugend ohne Scheu und Scham eingerissen, die von den Alten solchs lernet und sich darinnen so schändlich und mutwillig ungewehret, in ihrer ersten Blüte verderbet, wie das Korn vom Hagel und Platzregen geschlagen, daß jetzt das mehrere Teil unter den feinsten, geschicktesten, jungen Leuten, sonderlich unter dem Adel und zu Hofe, vor der Zeit und ehe sie zu ihren Jahren kommen, sich selbst um Gesundheit, Leib und Leben bringen. Und wie kann es anders zugehen, wo die, so andern wehren und strafen sollen, selbst solches tun? Darum ist ja Deutschland ein arm, gestraft und geplagt Land mit diesem Saufteufel und gar ersäuft in diesem Laster, daß es sein Leib und Leben und dazu Gut und Ehre schändlich verzehrt und durchaus eitel Säuleben führt, daß, wenn man es malen sollt, so müßt man es einer Sau gleich malen!«[211]
Seitdem es in Deutschland Prediger gibt, war das Nationallaster ein beliebtes, immer von neuem aufs Tapet gebrachtes Thema. Wer eine Kanzel bestieg, hielt eine donnernde Philippika gegen die »Füllerey« auch dann, wenn die im zarten Rubinrot erstrahlende Nase als Zeichen in das Auditorium hineinglühte, daß der Eifer des Geistlichen ein rein geschäftlicher war, den er sich später mit einem Quantum der edlen Gottesgabe zu löschen beeilen werde.
Von Berthold von Regensburg, Johannes Capistranus, Geiler von Kaysersberg, Luther, Murner, Abraham a Sanct Clara, Andreas Musculus an haben alle Geistlichen beider Bekenntnisse, Katholiken und Protestanten ihren Stab über den bösen Saufteufel gebrochen, sie alle wetterten laut gegen das Laster, wenn sie sich vielleicht auch im stillen sagten – es ist ein schönes Laster!
Auch zur Feder griffen die gestrengen Herren gar häufig, um ihren Grimm zu Papier zu bringen und »für die Ewigkeit« zu erhalten. Der Titel eines solchen Buches, das den bekannten Verfasser der »Sprichwörter«, Seb. Franck, zum Autor hat, lautet:
»Von dem grewlichen laster der trunkenheit, so in diesen letzten Zeiten erst schier mit den Franzosen aufkommen, was füllerey, sauffen vnd zutrinken für jammer vnd vnrath, Schaden der seel vnd des leybs auch armut vnd schedlich art anricht, vnd mit sich bringt. Und wie dem übel zu raten wer, gründlicher bericht vnd ratschlag, auß göttlicher geschrifft.« 1531.[212]
Der mehrfach erwähnte Straßburger Kanzelredner Geiler von Kaysersberg, der sich Brants Narrenschiff zur Grundlage einer Serie von Predigten nahm, die er 1498 im Münster hielt, hat auch eine Predigt über die »Praßnarren, Füllnarren, Fässelnarren, Weinschleuchen, Buß den Wein, Weingänßlein« losgelassen. Dreißig Schellen erkennt er den Trinkern zu, und verteilt sie folgendermaßen:
Die erste Schell der Füll Narren ist, die dolle vnd volle des verstandts vnd der vernunfft, welche in dem Haupt verruckt wirrt. Dann die Füllerey vnd Schlemmerei erregt viel Dämpfe und Feuchtigkeit im Kopf, welche hernach das Haupt und die Vernunft verwirren und bedecken, also daß man dadurch halb taub und unsinnig wird. Sintemal das Gemüt und die Vernunft nichts unzuträglicher ist und so leicht verdirbt, wie die Völlerei und Schlemmerei. Zugleich wie Blindheit eine Tochter der Geilheit, also ist das Vollsein ein Kind oder eine Tochter der Gefräßigkeit und Völlerei.
In der zweiten Schelle »Vergebenliche Freud« schildert Geiler die »fantasey« der Trunkenen, die sie zu allerhand Narrenwerk, Aufschneidereien und anderem Unfug antreibt und ihnen allerlei Hirngespinste vorgaukelt. Einer unter ihnen beweinet »das truncken Elendt«, einer »Bulet, vnd hat sein Gugulfuhr mit hübschen Mägdlen« und so geht es weiter, bis ein Dutzend Beispiele angeführt sind. Die dritte Schelle befasst sich mit denen, die beim Wein schwätzen und schreien, die vierte mit den Zotenreißern, die sechste mit den unsauberen Zechern.