Als Pöllnitz bei einer Mittagstafel dem Kurfürsten seinen Wunsch, den Faßriesen des kurfürstlichen Kellers zu sehen, vorgetragen hatte, versprach der Herr, ihn selbst hinzuführen. Er schlug seiner Tochter, der Erbprinzessin von Sulzbach, vor, nach Tisch zu dem Faß zu gehen, und als sich diese damit einverstanden erklärte, zog der ganze Hof, voran Trompeter mit schmetternden Fanfaren, nach dem Keller. Nachdem alles auf dem gefüllten Faß versammelt war, brachte der Kurfürst dem Abenteurer den Ehrentrunk zu. Er leerte einen großen goldenen Humpen, ließ ihn wieder füllen und durch einen Pagen dem Baron reichen. Der Anstand und die Schicklichkeit verlangte, daß der so Geehrte wiederum den Pokal auf des Kurfürsten Gesundheit austrinken mußte. Pöllnitz, der mit Schrecken in das Weinmeer blickte, bat sich als Gnade aus, in mehreren Zügen das Werk vollbringen zu dürfen. Der Kurfürst gewährte gnädig diese Bitte, und während er sich mit den Damen unterhielt, gelang es Pöllnitz, einen Teil des Weines unbemerkt zu verschütten. Der kleine Betrug ermöglichte es dem Abenteurer, dem Kurfürsten den bis auf den Grund geleerten Becher zu überreichen, was ein wohlgefälliges Schmunzeln des hohen Herrn hervorrief. Allein Pöllnitz triumphierte zu früh – es blieb nicht bei dem einen Becher, auch die Damen tranken den Herrn zu, und Pöllnitz bemerkte mit Schrecken, daß ihm die Kräfte auszugehen drohten. Er stahl sich heimlich von dem Faß, aber vor der Kellertüre standen zwei Garde-du-Corps, die den Ausgang verwehrten. Pöllnitz bittet, beschwört die Soldaten, aber selbst eine Bestechung weisen sie zurück, so daß sich der arme Teufel, der für sein Leben fürchtet, unter dem Faß versteckt. Er wird aber gefunden, hervorgezerrt und mit Freudengejohle zur Gesellschaft zurückgeschleppt, der Kurfürst will Gericht über den Deserteur halten, doch dieser weigert sich, den Herrn, der in diesem Prozeß Partei sei, als Richter anzuerkennen, worauf der Kurfürst seine Tochter und deren Damen als Gerichtshof einsetzt. Der Prozeß beginnt in aller Form, der Kurfürst ist Ankläger, Pöllnitz der Beklagte. Trotz aller Verteidigungsreden wird der Verbrecher wider die »gute« Sitte verurteilt, sich zu Tode zu trinken. Der Kurfürst, als Souverän, mildert jedoch das Urteil. Er bestimmt, daß der Inkulpant sofort vier große Humpen, jeder etwa ein Quart enthaltend, zu trinken habe und dann während der nächsten vierzehn Tage, täglich nach der Suppe an kurfürstlicher Tafel einen solchen Becher auf seine Gesundheit. Pöllnitz, obzwar stark niedergedrückt, dankt aber dennoch dem Brauch gemäß »für die gnädige Strafe«. Das Urteil wird sogleich vollstreckt, der Baron trank seine vier Humpen, und wenn er auch nicht starb, so sank er doch leblos zu Boden. Als er viele Stunden später mit wüstem und schmerzendem Kopf erwachte, hörte er zu seiner Befriedigung, daß er nicht allein eine Weinleiche gewesen, da kein einziger Teilnehmer an der Partie, die Damen nicht ausgenommen, das Schlachtfeld aufrecht verlassen habe. Der Kurfürst hatte schließlich ein Einsehen, seinem Gast den Rest der Strafe gänzlich zu erlassen.[238]

Als Graf Chesterfield, ein englischer Reisender, sich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an den geistlichen Höfen zu Mainz und Trier aufhielt, glaubte er sich nach seiner Erklärung an den Hofstaat eines gothischen oder vandalischen Königs versetzt. Und wie man am galanten Hofe Augusts des Starken zechte, besonders wenn es galt »die Ehre der sächsischen Kavaliere im Wettstreit mit den Herren aus Polen zu retten«, und diesen letzteren den Aufenthalt am Hofe so angenehm wie möglich zu machen, ist hinlänglich bekannt.

Pöllnitz, der doch in Heidelberg üble Erfahrungen machte, während eines achttägigen Aufenthaltes in Würzburg keine Stunde nüchtern war, und die bischöfliche Tafel stets in vollster Bewußtlosigkeit verließ, teilt dennoch dem bischöflichen Hof zu Fulda den Rang als dem trinkfestesten Deutschlands zu. Wie es da zugegangen ist, bedarf keines weiteren Kommentares.


3. Ritter Hans von Schweinichen.

Guter Wein, schönes Weib und Gewissen rein,
Das sind drei Stücke lieblich und fein.

Aus dem eben Gesagten läßt sich schließen, wie es in dem viel roheren sechzehnten Jahrhundert zugegangen. Einen hochinteressanten Einblick in diese Verhältnisse gewähren die Memoiren[239] des Schlesiers Ritter Hans von Schweinichen, dessen Leben für unseren Stoff viel zu wichtig ist, um nicht ausführlicher behandelt zu werden. Es können natürlich das Leben und die Taten des edlen Schlesiers, die 558 Seiten eines Buches füllen, nur im allerdürftigsten Umriß, ohne jegliche Schattierung, wiedergegeben und aus der Fülle der Begebenheiten nur die ausgewählt werden, die den ewigen Durst und die bis in das späteste Alter wiederkehrenden Zechgelage Schweinichens illustrieren.

Hans von Schweinichen wurde am Montag nach Johanni des Jahres 1552 auf Schloß Gröditzberg geboren und acht Tage später getauft. Bis zu seinem neunten Lebensjahr tummelte er sich wild im Elternhause herum, worauf er zum Dorfschreiber von Mertschütz geschickt wurde, Lesen und Schreiben zu lernen. Nach den Unterrichtsstunden hatte der Kleine die Gänse seiner Mutter zu hüten, bis ein Jungenstreich ihn dieses Ehrenamtes beraubte. Ein Jahr später brachte ihn sein Vater zum Herzog Friedrich III. von Liegnitz, wo er nun als Studiengenosse und Prügelknabe des späteren Herzogs Friedrich IV. zu gelten hatte. Der Herr Praeceptor und Erzieher der Knaben, bei denen ein Barthel Logau, ein Urahne des Dichters, als dritter im Bunde war, nahm es mit seiner Aufgabe sehr leicht, indem er sich von Hans manche Arbeit abkaufen ließ, »denn der junge Mann ging gern an die Buhlschaft zu schönen Jungfrauen, und hatte nicht Geld«.[240] Hansens dienstliche Obliegenheit bestand darin, dem Fürsten aufzuwarten, »auch mehrtheils, wann I. F. G. (Ihro Fürstl. Gnaden) einen Rausch hatten, im Zimmer liegen, denn I. F. G. nicht gern zu Bett gingen, wann sie berauscht waren«.

In der ersten Zeit seines Aufenthaltes am Hofe widerfuhr Schweinichen auch das Badeabenteuer, das ich an einem anderen Orte ausführlich erzählt habe.[241] Es ging überhaupt am Liegnitzer Hofe herzlich ungeniert zu. Der Herr Lehrer ging seinen Liebesabenteuern nach und der alte Fürst stieß sich bei galanten Anwandlungen in keiner Weise an die Anwesenheit von Zuschauern.