Die Jahre 1565–1566 brachte Hans teils zu Hause bei den Eltern, teils in Goldberg in der Schule zu, bis ihn eine Krankheit wieder nach Hause führte, wo er, wie er offenherzig gesteht »was ich in fünf Vierteljahren gelernet, in vierzehn Tagen wieder vergaß«.[242] Trotzdem der alte Schweinichen durch die für seinen Herzog geleisteten Bürgschaften in steter Geldverlegenheit war, bewies er doch seine Charakterfestigkeit dadurch, daß er ein Angebot von fünfhundert Talern jährlich kurz entschlossen ausschlug, als der Bieter, Bischof Logau, die Bedingung daran knüpfte, den Hans katholisch und Priester werden zu lassen. Der Adel von damals hatte eben zweierlei Gewissen. Das eine war für den Hausgebrauch und duldete keinen Flecken auf der sogenannten Ehre und keinen Angriff gegen den ererbten Glauben. Das zweite, für die Welt bestimmte, setzte sich, dehnbar wie es nun einmal war, mit Seiltänzergewandtheit über Kleinigkeiten, wie falsches Spiel, Mädchen betrügen, Begehung oder Duldung eines Straßenraubes, Foppen eines leichtgläubigen Geldleihers und ähnliche derartige unbedeutende Vorfälle hinweg. Wie die Alten sungen, so zwitscherten die Jungen, und schon 1570 bekannte Hans in seinem Tagebuch: »begonnte ich mich auch allbereit etlichermaßen um die Jungfrauen zu thieren und däucht mich in meinem Sinn Meister Fix zu sein«.[243] »Bin aber auf Hochzeiten geritten und sonsten, wohin ich gebeten wurde, mich gebrauchen lassen und fraß und soff mit zu halben und ganzen Nächten und machte es mit, wie sie es haben wollten.«[244]

1569 machte Hans den Zug Herzog Heinrichs nach dem Lubliner Landtag mit, der den armen Teufel von Duodezfürsten vollends zugrunde richtete. Ettliche Schlachtzizen machten sich den Spaß, die Liegnitzer mit der polnischen Königskrone zu narren, ein Scherz, der dem ohnehin dem Rande des Ruins nahen Herzog auf vierundzwanzigtausend Taler zu stehen kam, ganz abgesehen von der für ihn sehr unheilvollen kaiserlichen Ungnade, die er sich nebenbei zuzog. Bei der Heimkehr von der Fahrt nach Polen fand Hans seine Mutter auf der Bahre. Ein Jahr darauf war unser Junker zum erstenmal derart betrunken, daß er »zwo Nächte und zwei Tage nacheinander geschlafen, daß man nicht anders gemeint, ich würde sterben«. »Inmittels habe ich es nicht allein gelernet Wein zu trinken, sondern auch ziemlichen wohl gekonnt, daß ich wohl sagen kann, auch gemeinet, es wäre unmöglichen, daß mich einer vollsaufen könne, und habe es hernach stark kontinuirt. Ob es aber mir zur Seligkeit und guter Gesundheit gereichet, stelle ich an sein Ort,[245]« fügt er treuherzig voll Selbsterkenntnis hinzu.

1572 widerfuhr Hans das Pech, daß die »Jungfrau«, die er gerne sah, und mit der man ihn schon überall ins Gerede brachte, unversehens eines Knäbleins genaß, dessen Vater ein hübscher junger Schreiber war.

Von 1573 an datiert Schweinichens Ruf als Trinker. Auf der Reise, die er mit den Herzögen Heinrich und Friedrich nach Mecklenburg unternahm, – der Alte war bereits 1570 gestorben – hat Hans »mit meinem Saufen (ungeachtet, daß es keines Ruhmes wert und besser gelassen, als getan) einen großen Namen, denn ich mich diese Zeit nicht vollsaufen konnt«.[246]

Schweinichen hatte eben begonnen mit Herzog Heinrich von Liegnitz seine »Schnorrfahrten« durch das Reich, kreuz und quer, anzutreten, die aber vorläufig nur noch Spritztouren waren und erst einige Jahre später zu systematischen Raubzügen werden sollten. Über diesen Herzog Heinrich XI., »den lüderlichen Sohn eines Vaters, der nicht besser war«, verlohnt es sich wohl etwas mehr zu sagen und zwar in den Worten Gustav Freytags, der folgende kurze Biographie dieses Vertreters eines dem Untergange geweihten Piastengeschlechtes gibt:[247] »Als sein Vater, Herzog Friedrich III., im Jahre 1559 von kaiserlichen Kommissarien abgesetzt und als gemeinschädlich in Arrest gehalten wurde, erhielt der zwanzigjährige Sohn die Regierung des Fürstentums. Nach zehn Jahren einer unbändigen Regierung geriet Friedrich mit seinem Bruder Heinrich und seinem Adel in Zwist, und ließ in einer despotischen Laune seine ganze Landschaft gefangen setzen. Während die Empörten ihn beim Kaiser verklagten, unternahm er selbst einen abenteuerlichen Zug durch Deutschland, eine Rund- und Bettelreise zu zahlreichen Höfen und Städten, wobei ihn Geldmangel aus einer Verlegenheit in die andere stürzte und zu jeder Art von Unwürdigkeiten brachte. Unterdes wurde er suspendiert, und sein Bruder, der wenig besser war, als Administrator eingesetzt. Heinrich klagte, querulierte, unternahm eine neue Bittreise an deutsche Fürstenhöfe, sollizitierte endlich in Prag beim Kaiser, immer in den drückendsten Geldverlegenheiten, und setzte endlich durch, daß er sein Herzogtum zurückerhielt. Jetzt folgten neue Zügellosigkeiten und offener Widerstand gegen kaiserliche Kommissionen, eine neue Absetzung und strenge Haft zu Breslau. Aus dieser Haft entwich er und trieb sich als heimatloser Abenteurer in der Fremde umher, bot sich der Königin von England im Kriege gegen Philipp von Spanien an und zog zuletzt nach Polen, um gegen Österreich zu kämpfen. Dort, in Krakau, starb er plötzlich 1586, wahrscheinlich an Gift.«

Wenn dieser eigentümliche, unbegreiflicherweise noch nicht dramatisierte Herr in Liegnitz residierte, was selten genug vorkam, dann ging es natürlich am Hofe lustig zu. »Wann ich diese Zeit vom Himmel auf die Erde fallen sollen, wär ich nirgens als gen Liegnitz gefallen, ins Frauenzimmer, denn da wär täglichen Freude und Lust mit Reiten, Ringrennen, Musika, Tanzen und sonsten Kurzweil«,[248] bei dem ein fester Trunk und der unvermeidliche Rausch obenan war. So stellte Herzog Heinrich einmal ein Scherzbankett an, bei dem ein Adeliger namens Axleben den Kaiser vorstellen sollte. Dabei mußte sich Axleben »allemal wie der Kaiser im Trinken halten und also über der Mahlzeit drei Trünke thun, eben aus dem Glase, daraus zuvor Herzog Heinrich dem Kaiser Fernando geschänkt, darein ging ein halb Topf Wein«. Nach zwei Trünken lag der arme »Kaiser« der Länge nach auf dem Boden. –

Neben der Beschäftigung »I. F. G. vor dem Trank zu stehen«, wobei meist für Hans ein gehöriger Rausch abfiel, bestand seine Hauptobliegenheit im Versetzen, so lange noch ein goldenes Ringlein, eine Kette oder sonst ein Kleinod vorhanden war, und im darauf los zu pumpen wo und wann sich Gelegenheit bot, sei es verschämt oder unverschämt. Man war lustig und guter Dinge, wenn ein Gutherziger oder Dummer ein Darlehen gewährte. »I. F. G.« spielten wohl auch, und waren seelenvergnügt, wenn sie, wie 1575 in Nürnberg, eine Summe gewannen, die die Zahlung der Zeche ermöglichte.[249] Meist aber wurde der Herzog gerupft. Fand man einen gutmütigen Wirt, wie z. B. den Jorge Lindenauer, Gastgeber am Weinmarkt zu Augsburg, so »soffen, spielten, waren lustig und guter Dinge« der Herzog und seine Leute. Hatte die Zeche eine unbezahlbare Höhe erreicht, dann verduftete die ganze Gesellschaft. Bei solchem Leben war das Scham- und Ehrgefühl bald verflüchtigt, »denn wann ich I. F. G. Geld aufbracht, es geschah auch mit was Mitteln es wollte, so hatte ich wohlgetan«, bekannte Schweinichen.[250] Schlug Marx Fugger ein Darlehen von 4000 Talern aus, so nahm man doch von ihm ein Geschenk von 200 Kronen, »einen schönen Becher von achtzig Talern« und ein Roß mit schwarzer Sammetschabracke herzlich dankend entgegen. Der Markgraf von Baden gab an Stelle der begehrten tausend Gulden ein Roß, der Stadtrat von Augsburg statt der verlangten 4000 nur 1000 Taler, und diese nur, weil Herzog Heinrich dem Wirt 1470 Taler schuldete. Im Jahre 1578 heißt es einmal: »Herzog Heinrich ließen durch mich den Rat von Breslau um 4000 Thlr. zu leihen ansprechen, konnte aber bei ihnen des Anlehns halber nicht erheben, sondern sie verehreten I. F. G. 100 fl Ungarisch und einen Gaul, damit waren I. F. G. auch wohl zufrieden und bedankten sich[251] Fiel jeglicher Pump vergeblich aus, so war unser Hans schließlich zufrieden, wenn er sich »durch einen starken Rausch geletzet hatte«.

1576 kam der Herzog mit seiner Begleitung auch nach Dillenberg zum Grafen Johann von Nassau, bei welcher Gelegenheit sich Hans als Meister im Trinken zeigen sollte. Er erzählt darüber:

»Ich stund I. F. G. allemal vor dem Trank und mußte doch daneben alles versehen, wie es sonsten einem Hofmeister gebühret, hatt also große Mühe. Auf dem Morgen gab der Graf mir den Willkommen. Wenn ich aber den ersten Abend das Lob hatte bekommen, daß ich des Herrn Grafen Diener alle vom Tisch hätte weggesoffen, wollt sich der Graf (jedoch heimlich) an mir rächen mit dem Willkommen, welcher von drei Quarten[252] Wein war. Nun wollt ich gern wie den vorhergehenden Abend Raum behalten, nahm den Willkommen vom Grafen an, gehe vor die Thüre und probiere mich, ob ich ihn im Trunke austrinken mochte, welches ich auch also ahnte. Wie ich solche Probe getan hatte, laß ich mir wieder eingießen, bitte den Herrn Grafen mir zu verlauben, seinem Diener zuzutrinken. Nun war ich schon verraten beim Grafen worden, daß ich ihn zuvor im Trunke hatte ausgesoffen, derwegen war der Herr Graf wohl zufrieden; trinke ihn derwegen noch eins seinem Marschall am Trunke zu. Ob er sich wohl davor wehrt, ward ihm doch vom Grafen geschafft, daß er ihn annehmen mußte. Wie ich nun den Becher zum andermal austrank, des wunderten sich die Herren alle, der Marschall aber konnte mir in einem Trunk nicht Bescheid tun, darum er denselbigen zur Strafe auch zweimal austrinken mußte, jedoch mit vielen Trünken. Darüber war der Marschall berauscht, daß man ihn wegführen mußte, ich aber wartete bis der Mahlzeit ein Ende auf; hernach hatte ich da wohl Ruh vorm Trunk, denn sich Niemand an mich machen wollte.«[253]

Als Trinker war und blieb unser lieber Hans gefürchtet, aber nur als Zecher, denn all sein Lebtag war ihm die Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit. Er sieht dies auch selbst ein und unterläßt sogar das sonst zeitübliche Bramarbasieren.