In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Kinderzimmer und der Kandidat trat heraus und mischte sich in die Unterhaltung. »Verzeihen Sie, Frau Bankdirektor, wenn ich es wage —,« begann er erregt. »Aber es wurde so laut gesprochen, daß man auch durch die Türe alles hören konnte, und da fühle ich mich verpflichtet, Fräulein Frank vor unverdienten Kränkungen zu bewahren, um so mehr, da sie völlig schutzlos ist. Ihrem Herrn Sohn gegenüber muß ich bemerken, daß die Unwahrheit jedenfalls nur auf seiner Seite zu suchen ist, denn ich hatte Gelegenheit, Zeuge einer ähnlichen Belästigung drüben im Zoologischen Garten zu sein.«

Mit einer seiner üblichen Handbewegungen fuhr er Rudi in die Gegenrede. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, ersparen Sie sich alles! Neue Beleidigungen von Ihnen werden mich durchaus nicht tangieren, weil ich ihnen einen zu geringen Wert beimesse. Ich müßte sie also schweigend über mich ergehen lassen. Ich habe Ihnen das bereits einmal bewiesen und möchte Sie nicht aufs neue in die Verlegenheit bringen, vor Ihrem Herrn Papa zu revozieren ...«

Seine Lippen zitterten, als er sich Fanny zuwandte: »Und wenn auch Ihre augenblickliche Lage dadurch nicht gebessert werden sollte, mein wertes Fräulein — es war mir doch Herzensbedürfnis, in Ihrer Gegenwart hier mit meiner Meinung nicht zurückzuhalten.« Sein Rock stand auf, und so knöpfte er ihn zu, weil in der Erregung seine Hände immer Beschäftigung haben mußten; dann sprach er zu der Hausherrin: »Ich habe die Absicht, Ihren Herrn Gemahl morgen um Entlassung aus meiner Stellung zu bitten, und so ist mir das alles sehr leicht geworden. Aber ich hätte auch unbedingt meinen Standpunkt vertreten, selbst wenn ich nicht zu diesem Entschlusse gekommen wäre. Gnädige Frau werden wohl wissen, daß ich niemals mit meiner Offenheit zurückgehalten habe. Es deckt sich nicht mit meiner Ueberzeugung von Recht und Anstand, gebildete Menschen in einem sogenannten gebildeten Hause wie wehrlose Sklaven erniedrigt und beleidigt zu sehen, um in einem anderen Sinne Ihres Herrn Sohnes zu reden. Die wahre Bildung verpflichtet zur Gesittung, und wenn diese Anschauung nicht oben begriffen wird, dann muß sie eben unten geübt werden. Ich bitte nochmals um Verzeihung.«

Er verbeugte sich kurz und höflich und ging mit seinen gewohnten erhabenen Schritten wieder dem Schulzimmer zu, wo er die Tür hinter sich schloß.

Auch Fanny verschwand in ihrer Stube, um den neuen Schreck zu überwinden.

»Was hat er alles geschwafelt?« sagte Rudi, auffallend blaß geworden. »Hast Du gehört? Ein ›sogenanntes gebildetes Haus‹ meinte er.«

Kornelia war durch den Lärm herbeigelockt worden und stand wie sprachlos da. »Aber nur die eine Hälfte im Hause meinte er,« warf sie ein. »Mama, was hast Du wieder angerichtet! Es ist ja geradezu empörend, wie Du Fräulein behandelt hast. Was wird Papa wieder dazu sagen?«

»Ach, schweig still und behalte Deine Weisheit für Dich ... Deine Parteinahme verstehe ich schon, Du wirst uns den Brei erst recht einrühren.«

Sie ließ sie stehen und rauschte davon, denn der Aerger wühlte in ihr, etwas herbeigeführt zu haben, was sie nicht beabsichtigt hatte. Im Balkonzimmer, außer Hörweite der Dienstboten, nahm sie sich Rudi vor. »Alle Schuld trifft Dich allein,« zeterte sie ihn an. »Es wird Zeit, daß Du aus dem Hause kommst, sonst sehe ich das Ende nicht ab.«

»Na, wenn alles geht, kann ich ja auch gehen,« sagte er träge und hielt es für das Beste, gleich den Anfang damit zu machen, indem er Hut und Stock nahm und bummeln ging. Die verschobenen Möbel standen ihm schon längst im Wege.