Mit langen Schritten ging er vor dem Unterrichtstisch auf und ab und ließ dabei die verschlungenen Hände knacken, was er häufig tat, wenn innere Freude ihn bewegte.

»Ich werde mich hüten, es ihr zu sagen, Herr Kandidat. Ich weiß ja, daß auch Mama Sie gern hat.«

»Um Himmels willen, mein Junge —! Pst!«

Er sah sich verlegen nach der Tür um, dann aber wurde er sich bewußt, daß er seinen Schüler vor sich habe. »Das ist ganz etwas anderes, mein Sohn! Das ist Verehrung, eine gewisse Güte, die mir als Deinem Lehrer entgegengebracht wird. Ich sage Dir das, weil die Begriffe des Gernhabens sehr verschieden sind.«

»Das kann ich mir wohl denken, Herr Kandidat, aber von Ihrer Verlobung sage ich Mama doch nichts, sonst krieg ich's, schon weil sie Fräulein nicht leiden kann.«

»Nun, sie wird's schon erfahren,« sagte Fröhlich gleichmütig und begann den Unterricht, aber zerstreut, denn seine Gedanken drehten sich noch immer um die Herzenssache.

Es hatte sich am vergangenen Tage alles sehr einfach gemacht. Fanny war mit sich im Reinen, ohne von heißer Liebe für ihn erglüht zu sein. Vielleicht wäre sie noch schwankend gewesen, wenn sie ihre Stellung behalten hätte, aber so hatte sie der Ernst des Lebens, der frühzeitig an sie herangetreten war, um eine herbe Erfahrung bereichert. Sie dachte an die sitzengebliebene Erna, die sich plagen mußte mit der sicheren Aussicht auf das Altjungferntum; sie hatte die kranke Mutter vor Augen und die ganze Zukunft, die ihr als »Mädel ohne Geld« winkte, wenn sie nicht wie die Aelteste versauern oder irgend einem Manne folgen wollte, der nicht in die Familie paßte.

Dann wäre das Geschrei der Brüder gekommen, die alles dreimal durchsiebten und dreimal abwogen, der lieben Standesinteressen wegen. Als die Frau eines Lehrers würde sie aber noch ganz gut fahren und namentlich gar als die eines höheren, der obendrein noch die vortrefflichen Eigenschaften Fröhlichs hatte. Sein männliches Eintreten für sie am letzten Tage hatte ihr gewaltig gefallen. Zwar sagte ihr der Spiegel, daß sie hübsch, frisch und jung sei und vielleicht durch Zufall noch ein anderes Glück genießen könne, aber die Klugheit hatte sie von diesem Märchengedanken wieder abgebracht. Sie hatte ja aus Rudis Nachstellungen ersehen, wie die gewissen Herrchen die Schönheit eines armen Mädchens bewerteten, und da war es wohl besser, versteckten Gefahren aus dem Wege zu gehen. Gewiß hätten viele sie für dumm gescholten, wenn sie »nein« gesprochen, und dafür wollte sie nicht gelten.

So hatte sie herzlich ja gesagt.

Fröhlich fiel es gar nicht ein, ihr Herz zu erschöpfen, er sah nur die Aufrichtigkeit aus ihren Augen strahlen und hatte warmen Dank für sie. Er wollte schon am nächsten Sonntag mit Fanny der Mama seinen Besuch machen und hoffte, dann auch Kurt dort zu sehen, dem er zuvor brieflich seine ehrlichen Absichten zu erkennen geben wollte. Inzwischen sollte auch Fanny der Familie Kenntnis von dem Ereignis geben.