Walter merkte bald, daß der Unterricht heute nicht besonders flott ging. Der Kandidat lauschte auffallend oft dem Klappen der Türen, steckte öfters den Kopf zum Korridor hinaus und war plötzlich verschwunden, ohne seinem Schüler Auskunft darüber zu geben, was er sonst regelmäßig zu tun pflegte.

Man hatte heute Diktat in Deutsch und so hatte Walter das Vergnügen, in sehr langen Pausen mit der Feder zu spielen, bis er dann einmal sagte: »Sie freuen sich gewiß, Herr Kandidat, daß Ihre Braut so nahe bei Ihnen ist.«

»So ist es, so ist es,« erwiderte Fröhlich, rot geworden, und diktierte nun darauf los, als hätte er fünf verlorene Stunden einzuholen. Aber sein Standort blieb immer die äußere Tür.

Bald sprach das ganze Haus von der Einigkeit der beiden. Kornelia hatte es ganz offen ihren Eltern erzählt, und der Bankdirektor war darüber erfreut, nachdem er seine Verblüffung überwunden hatte. Im allgemeinen aber berührte ihn die Sache nicht tiefer, denn so etwas kam alle Tage vor, und es war immer noch Aussicht, den Kandidaten auf längere Zeit im Hause zu behalten. Es erweckte nur eine gewisse Befriedigung in ihm, daß seine Frau endlich ihre törichte Tändelei einstellen würde. »Gratulieren brauchen wir ja noch nicht, ich für mein Teil weiß noch nichts davon,« sagte er am Abend. »Laß die Leutchen machen, was sie wollen!«

»Nun ist mir klar, daß sie es darauf angelegt hatte,« warf Agathe ein. »Du wirst doch nun einsehen, daß ich recht mit meiner Kündigung hatte.«

»Du weißt, ich sehe bei Dir alles ein,« beruhigte er sie.

Rudi pfiff bedeutungsvoll vor sich hin, sonst spielte er den Gleichgültigen, den solche untergeordneten Dinge nicht interessieren. Er war überdies den ganzen Tag aus dem Gähnen nicht herausgekommen, weil das Wannseeer Diner sich noch in Berlin bis zum frühen Morgen ausgedehnt hatte, und er erst um eine Zeit nach Hause gekommen war, wo die Bäckerjungen schon lustig durch die Straßen pfiffen. Um aber doch nicht mit seinem Urteil zurückzuhalten, sagte er gelegentlich zu seiner Mutter: »Eigentlich hätte Dich Fröhlich erst um Erlaubnis fragen müssen, ob er sich verloben darf. Rat hätte er sich wenigstens holen sollen. Das hast Du nun davon, daß Du ihn so ausgezeichnet hast. Kandidatenundank! ... Was sich solche Menschen überhaupt herausnehmen! Wer hat nun recht gehabt mit seiner Vermutung? Ich! Die haben schon längst ihr Techtelmechtel gehabt, verlaß Dich darauf. Kandidat und Fräulein — Du lieber Himmel! Auch was Rechtes! Gleiche Begriffe!«

Sie hörte gar nicht darauf, denn ihre Seele war gebrochen und alle Heiligtümer vernichtet. Sie hatte nur das Bedürfnis, allein zu sein und einsam darüber nachzudenken, wie man sich in einem Menschen irren könne, den man stets uneigennützig höheren Zielen zuführen wollte.

Trauer war in ihr Herz gezogen, und so rührte sie keine Note mehr an und gab ihrer Stimme Ferien, was der Bankdirektor als den ersten Schritt zur Besserung betrachtete. Da sie aber an die Klänge des Familienklaviers am Nachmittag gewöhnt war, so mußte Fanny sich mit Hans an das Instrument setzen, um ihm den ersten Unterricht zu erteilen. Man hatte bereits früher davon gesprochen, und so entsann sich die Gnädige noch in der letzten Dienstwoche, daß man für fünfundvierzig Mark monatlich das Recht habe, alle Talente eines sogenannten Fräuleins gehörig auszunutzen. Sie wollte noch bis zum letzten Tage ihre Herrschaft zu erkennen geben, und so machte es ihr Vergnügen, alle fünf Minuten in das Balkonzimmer zu treten und ihre Zwischenbemerkungen einzustreuen, trotzdem ihr von dem Geklimper der Tonleiter der Kopf brummte.

»Ihr wollt heute in den Zo?« sagte Rudi am Mittwoch zu ihr. »Dann amüsiert Euch nur, ich habe etwas anderes vor. Da drüben ist ja immer dieselbe Sauce. Immer dieselben Gespenster, die in der Lästerallee 'rumlaufen.«