»Na, wir gehen ja auf die Terrasse,« wandte sie ein.
»Auch nicht besser. Da sitzt die Provinztapete, bunt wie Neu-Ruppin. Man sollte mal die Tiere freilassen und die ganzen Menschen in die Käfige sperren, das wäre doch was anderes.«
»Nun hör aber auf! Du wärest ja doch der erste, der Beine machte. Dir scheint schon alles zuwider zu sein. Mit neunzehn Jahren!«
»Na, manchmal ist das Leben auch wirklich mies. Wir leiden eben beide am Weltschmerz, Mama. Der Sekt schmeckt mir auch nicht mehr. Die Kinder von Straßenfegern sind manchmal glücklicher, die haben das alles nicht kennen gelernt. Ich sehe schon, ich muß mich auch nach 'ner »Braut« umsehen.«
Pfeifend ging er hinaus, mit dem Gedanken an den Abend beschäftigt, wo er sicher die »Braut« finden würde, aber die des andern.
XIX.
»Adieu Fanny,« sagte Kornelia noch kurz vor dem Aufbruch. »Heute wird es sich entscheiden, ob ich hier meinen Willen durchsetzen kann, oder nach London gehe zu Miß Spence. Soll ich grüßen? Aber natürlich doch. Sehen Sie nur zu, daß Sie Ohrenklingen bekommen, dann denken wir an Sie. Es kann ja auch ein anderer sein.«
Unten warteten bereits die Eltern auf sie. Agathe war im großen Staat, in blaßblauem Seidenrock mit echten weißen Spitzen, den sie so an den Körper gestrafft hatte, daß der Bankdirektor, der im dunklen Rock und weißer Weste war, sie dringend bat, etwas weniger deutlich die neueste Straßenmode mitzumachen. Ein echter Pariser Blumenhut schwankte, wie eine kleine Plantage auf ihrem mächtig gelockerten Haar und ließ die Brillantnadel glitzern. Auch sonst schleppte sie ein kleines Vermögen mit sich herum: lange Perlentropfen in den Ohren, eine echte Kette um den dicken Hals, und an der Taille der zartpunktierten Bluse eine große silberne Netztasche für Portemonnaie, Riechfläschchen und Spiegel. Sie hatte sich heute besonders vorsichtig angemalt, um den Kampf mit dem elektrischen Licht aufnehmen zu können.
Und neben ihr schritt Kornelia, wie immer in ihrem einfachen weißen Foulardkleid, nett und elegant, vornehm, ohne auffallend zu erscheinen.
»Adolf, wir wollen uns nicht lange in dem Trubel aufhalten, Du weißt, die vielen Menschen machen mich verrückt,« jammerte sie gleich, als sie die berühmte Lästerallee vor sich hatten.