»Aha, auf einmal!« dachte Agathe. »Nun hat sie ihn getroffen.« Und erfüllt mit stiller Wut, sich so gefoppt zu sehen, sagte sie laut: »Ich finde es sehr schön, mal so im Trubel zu promenieren. Unser Tisch läuft ja nicht weg.« Sie hatte bemerkt, daß Frank nach der Uhr gesehen hatte und schloß daraus, daß er möglicherweise wenig Zeit habe und sich bald verabschieden werde. Dann hätte sie losreden und beizeiten durch diese Liebesrechnung einen Strich machen können. Aber schon bewies ihr Mann wieder seine Höflichkeit, und zwar in einer Art, die sie noch starrer machte.
»Darf ich um die Ehre bitten, Herr Oberleutnant, mein Gast zu sein.« Er hatte sich mit einem raschen Blick von dieser Rangstellung überzeugt und wollte nun besonders zuvorkommend sein.
Frank sah abermals nach der Uhr und lehnte mit verbindlichem Danke ab, aber auf »ein halbes Stündchen« würde er gern mit den andern Platz nehmen. Die lebhaften Einwendungen Roderichs ließ er unerwidert, denn im Grunde genommen war es ihm mit seiner Eile nicht ernst. Er handelte ganz nach Verabredung mit Kornelia und hielt es für angebracht, den Zurückhaltenden zu spielen.
Es machte sich so, daß er mit Frau Roderich zusammenging, während Vater und Tochter die Spitze nahmen. »Gnädige Frau sollen vorzüglich singen, wie ich gehört habe,« begann er.
Sie zwang sich zur Freundlichkeit. »Hat Neli Ihnen das gesagt?«
»Ich hörte es irgendwo in einer Gesellschaft. Man sprach viel darüber,« heuchelte er lustig weiter, allerdings innerlich mit einem unangenehmen Gefühl, aber es ging alles auf das Gewissen Kornelias.
»So,« warf sie ein und streifte ihn mit einem raschen Seitenblick, denn ihr Mißtrauen arbeitete fortwährend in ihr; aber als sie seine ungetrübte Miene sah, wurde sie um einen Grad liebenswürdiger. »Das freut mich zu hören, Herr Leutnant,« fügte sie hinzu. »Die Gesangskunst ist nun einmal mein Schwarm; na, und da schwärmt man eben auch häuslich ... Sind Sie auch musikalisch?«
Noch den letzten Brief Fannys im Gedächtnis, hätte er gern seinen Spott spielen lassen und so hatte er schon die Worte auf den Lippen: »Ich blase die Suppe bei Tisch,« aber er besann sich noch rechtzeitig, trotzdem ihm fortwährend etwas anderes in der Kehle würgte, als er sprach. So tröstete er sich mit dem Gedanken: »Ich blase der gnädigen Frau den Marsch.« Das konnte auch dadurch geschehen, indem er sie sanft durch Ritterlichkeit einwickelte und ihr zu erkennen gab, daß die Franks es immer noch mit den Roderichs aufnehmen konnten. Schließlich tat er alles des geliebten Mädchens wegen. Er wollte ja Kornelia heiraten und nicht die Mutter; und der Vater schien ein Mann zu sein, der in die Welt paßte, und wenn man die eine Hälfte der Eltern für sich hatte, namentlich die klingende, dann konnte man die andere später kaltstellen, je nach Bedürfnis.
So setzte er also die »Raubtierzähmung«, die vortrefflich in die Umgebung des Zoologischen paßte, mit gewinnender Höflichkeit fort. Eigentlich musikalisch sei er nicht, er habe das immer seinen Schwestern überlassen, sprach er weiter; aber er sei ein großer Musikfreund und besuche sehr viel gute Konzerte und namentlich das Opernhaus. Die Spieloper ziehe ihn ganz besonders an.
Das große Wort war gefallen. Kornelia hatte ihm den ganzen Spielplan der Mutter mitgeteilt, in dem sie einst geglänzt hatte, im Fürstlichen Theater zu Gera, in Rudolstadt und in Altenburg, und auf all den andern kleinen Bühnen, wo die Primadonna noch das Gespräch beim Frühstück bildet. Frank hatte sich wirklich einen Opernführer zugelegt und eine Anzahl Textbücher gekauft, und floß nun über von Kenntnis selbst der vergessensten Opern, die ein Schmierendirektor nicht mehr zugkräftig finden würde.