Sofort summte sie eine Melodie, und er summte in Gedanken mit, weil ihm die Sache sehr bekannt vorkam.

»Sie wissen doch, was das ist? Ich habe die Agathe im »Freischütz« unzählige Male gesungen. Es war meine Lieblingsrolle, die mir Triumphe brachte, schon deswegen, weil ich ebenso heiße.« Er nickte zustimmend und fiel begeistert ein: »Natürlich wußte ich es.« Den Freischütz hatte er zufälligerweise dreimal gehört, und so konnte er hier wirklich aus Erfahrung sprechen.

Der Bankdirektor und seine Tochter warteten schon auf der Veranda des Restaurants, aber Frau Roderich schien keine Eile zu haben. Wiederholt war sie stehengeblieben und erschöpfte ihre Redekunst. Sie vergaß ganz, wen sie vor sich hatte, und dachte weder an ihren Mann, noch an Kornelia. Alles, was sich in ihr an Galle aufgespeichert hatte, war verflogen, und nur die helle Begeisterung für den Augenblick war übriggeblieben, die wie Funken in der aufgerührten Asche sprühten. Selbst der Kandidat winkte nur noch wie ein Schatten aus dem Hintergrunde, denn es war ein Neuer an seine Stelle getreten, der ihr aufrichtiges Verständnis entgegenbrachte und ihre Kunst mit großem Ernste behandelte. Wie erschöpfend er zuzuhören verstand, wie klug er sprach, wie ehrfurchtsvoll er ihre Sehnsucht nach zerstobenem Bühnenflitter begriff! Und was für ein schmucker Kerl, ein wirklicher Gentleman voll Grazie und Bewegung, nicht so steif und unbeholfen, wie der andere mit der Denkermiene in ewigem Schwarz, sondern heiter, lustig und bunt, wie die Schmetterlinge, die es empfinden, daß die vollste Blume die größte Anziehungskraft hat.

»Mama scheint sich ja ordentlich festzuhaken an ihn,« sagte der Bankdirektor, der inzwischen eine kleine Novelle mit wahrem Hintergrunde von seiner Tochter zu hören bekommen hatte.

»Gefällt mir sehr, Papa,« gab sie zurück. »Sie sprechen von Opern.«

»Woher weißt Du denn das?«

»Na, anders kann's doch nicht sein.«

Roderich sagte nichts, aber er dachte sich sein Teil.

Alle Lebensweisheit eines gereiften Mannes konnte an der Klugheit eines verliebten Mädchens scheitern! Schade, daß sie nicht als Junge auf die Welt gekommen war, dann hätte vielleicht ein Diplomat aus ihr werden können! Aber er wollte auch so mit ihr zufrieden sein.

Man saß gemütlich zusammen hinter dem Blumenständer beim Schein der roten Tischschirme, unter sich das brandende Menschenmeer, das seine Kopfwogen mit verstärkter Flut trieb und im Sonnenschein zu liegen schien. Das elektrische Licht umspielte die äußersten Zweige der Bäume und ließ die Blätter grasgrün erscheinen, hüllte aber dahinter alles in tiefen Schatten, so daß es aussah, als wären blendende Farbenspritzer aufgetragen, die im Zickzack sich aus der Nacht heraushoben. Hinten im Park sah man durch das Laub hin und wieder weiße Kugeln auftauchen, die wie winzige Monde in der Luft zu hängen schienen und einen hellen Lichtkreis um sich schufen.