Und über allem wölbte sich der beinahe schwarze Himmel, an dem die Sterne nur vereinzelt blinkten. Ein leichter Wind rauschte durch die Zweige, trieb angenehme Kühle über die Köpfe und brachte den Duft der Blumenbeete mit. Scharf klang die Militärmusik herauf, aber in kurzen, merkwürdig abgebrochenen Tönen, als hinderte dieser Berg von Menschenleibern die Schallwellen daran, sich in Weichheit auszuströmen.
Frank hatte sich sofort etwas zu essen bestellt und einen Schoppen Wein dazu, um dadurch seine Zurückhaltung an diesem ersten Abend anzudeuten. Und Roderich machte auch keinen Versuch zu einer erneuten Einladung, um nicht aufdringlich zu erscheinen. Selbst, als die Familie beim Sekt angelangt war, blieb er bei diesem Takt, obgleich es ihm etwas schwer wurde, denn in fideler Stimmung sah er gerne alles »schwimmen«, schon um der lieben Lustigkeit der andern willen. Aber diesmal mußte er seine berühmte Gebelaune dämpfen, denn Kornelia hatte ihm schon wiederholt heimliche Winke mit den Augen gegeben, weil sie klug genug war, jetzt noch die nötige Schranke zwischen Frank und den Eltern zu wahren.
Alles dies hielt den Bankdirektor jedoch nicht ab, immer aufs neue mit dem Leutnant anzustoßen und ihm die Versicherung zu geben, daß er sich sehr freue, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Sobald er einige Gläser Sekt herunter hatte, verließ ihn seine Ruhe und er sprach dann etwas viel, wobei sich seine Frau auffallenderweise schweigsam verhielt. Es war dann, als wäre sie zufrieden damit, daß ein anderer ihre Familie würdig vertrat, denn gesprochen mußte auf alle Fälle werden. Heute machte sie den Eindruck, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Um so mehr schleckerte sie von den auserlesenen Speisen, die Dressels berühmte Küche zeigten. Sie saß an der Brüstung, Frank gegenüber, und wenn sie aufblickte, gingen ihre Augen auf ihn, und immer mehr gefiel ihr sein frisches offenes Gesicht. Sein Witz riß sie hin und sie lachte, daß die Goldplomben sichtbar wurden. Und schließlich lachten alle und kamen zu der Ueberzeugung, einen vergnügten Abend zu verleben.
Frank mußte mit seiner Kasse rechnen und genoß den Wein wie eine teure Medizin; schließlich aber, hingerissen durch die Stimmung und immer wärmer geworden durch die Nähe Kornelias, die dicht neben ihm saß und deren Atem ihn selig erzittern machte, bestellte er sich einen neuen Schoppen von einer besseren Marke. Das erste Glas davon weihte er den Damen und sah Kornelia dabei so tief in die Augen, daß Wonneschauer sie durchfluteten und ihr aufs neue zum Bewußtsein kam: »Der oder keiner!«
XX.
Frank hatte das »halbe Stündchen« vergessen. Er saß nun bereits länger als eine Stunde am Tisch und dachte nicht an Ort und Zeit. Er wußte, wann der letzte Zug nach Spandau ging, und daß der Bahnhof in der Nähe lag, und das genügte ihm.
Er war im fröhlichsten Plaudern, als plötzlich einer der Hauskellner, die hier oben elegant wie die Attachés herumliefen, vorsichtig an ihn herantrat, ehrerbietig nach seinem Namen fragte und ihm ein geschlossenes schmales Kuvert überreichte. Sofort erkannte er Fannys Handschrift. Er las auf der Visitenkarte die flüchtig hingeworfenen Zeilen, steckte Kuvert und Karte ein, erhob sich und bat die Herrschaften auf wenige Minuten um Entschuldigung. Und strammen Schrittes ging er hinweg, die Rampe hinunter, der weniger hellen Seite des Gartens zu. Kornelia hatte bemerkt, daß er sich leicht verfärbte und schreckhafte Ueberraschung aus seinen Zügen sprach, und so blickte sie ihm ängstlich nach. Auch Frau Roderich führte ihr langstieliges Glas an die Augen und folgte ihm erstaunt mit den Blicken.
»Was hat er denn?« flötete sie gedehnt. »Das ist ja merkwürdig. Sicher steckt eine Dame dahinter. Er war ja ganz verlegen. Das Kuvert sah auch ganz danach aus.«
Kornelia wurde blaß und blickte schweigend noch immer nach derselben Richtung.
Der Bankdirektor jedoch fuhr launig dazwischen: »Zerbrich Dir doch nicht gleich den Kopf darüber! Das geht uns doch nichts an. Wir haben ihn doch heute erst kennen gelernt.«