»Ich ahne schon etwas.«
»Das tust Du immer, und nachher kommt's anders. Wahrscheinlich irgend ein Kamerad, der ihn in diskreter Angelegenheit zu sprechen wünscht ... Ist doch ein patenter Kerl!«
»Ein charmanter Mensch, das muß man sagen,« stimmte sie gelassen bei, strengte sich aber noch immer an, durch das Glas etwas zu bemerken. »Man sollte es kaum glauben, daß unser Fräulein so einen Bruder haben kann.« Endlich ließ sie die Lorgnette sinken, denn die Uniform war ihren Augen entschwunden.
»Ein Mensch von durchaus anständiger Gesinnung,« warf Neli langsam wie betäubt ein, denn plötzlich hatte sie der Hinweis auf Fanny in neue Unruhe versetzt. Sie kannte diese schmalen Kuverts, die sie im Zimmer Fräuleins hatte liegen sehen. Was war passiert? Weshalb ging er so wortlos hinweg, ohne zu ihr noch ein Wort zu sagen? Nur mühsam verbarg sie ihre Erregung, schwieg aber über ihre Vermutung, denn schließlich konnte sie sich doch geirrt haben. Aber ihr Herz schlug ruhiger, denn mochte es mit Fanny sein, was es wollte, — wenn die Mutter nur nicht recht behielt!
Leutnant Frank fand seine Schwester dort, wo sie ihn erwarten wollte: am Fischotterbecken. Er tat so, als wäre sie eine Dame, die er soeben erst verlassen habe und zwang sie zum Mitgehen, den Weg entlang, der zum Bahnhof führte. Nur wenige Menschen gingen hier, und so konnten sie sich aussprechen. Sie hatte ihr neues Kostüm an und den Hut auf, der aber schief saß und unter dem das Haar nur lose aufgesteckt war.
»Was ist denn los? Du siehst ja ganz verstört aus?« fragte er erschreckt.
»Entschuldige nur, aber ich wußte mir im Augenblick keinen anderen Rat. Ich konnte doch nicht an Euren Tisch kommen ... Ich kann keine Nacht mehr bei Roderichs bleiben.«
»Was sagst Du? Weshalb nicht?«
Sie bogen links ein, an dem Gehege der Hirsche vorüber, wo es dunkel und einsam war. »Ich bitte Dich, fasse Dich kurz! Ich bin in Uniform, ich muß Rücksicht nehmen.« Leichter Aerger klang aus seinen Worten, wodurch sie eingeschüchtert wurde.
Mit zitternder Stimme sprach sie mühsam weiter: »Ich sehe, Du bist böse, dann will ich selbst zu Mama. Es wird mir nur so schwer, Du weißt, sie regt sich leicht über alles auf, gerade jetzt, wo Fröhlich sich ihr vorstellen wollte.«