Sie war dem Weinen nahe, und so lenkte er in Güte ein: »Aber, mein Nuckerchen, so sprich doch! Wer hat Dir etwas getan?«
Endlich beherrschte sie sich und fand die Worte.
Es war kurz vor neun, sie hatte die Kinder zu Bett gebracht, als sie noch in das zweite Stockwerk hinaufging, um aus einer der Kammern etwas zu holen. Sie hatte gleich nach dem Abendbrot Rudi weggehen sehen, und so war sie ahnungslos, denn sie wußte nicht, daß er später wieder zurückgekehrt war und sich in seinem Zimmer befand. Diener und Mädchen waren in der Küche, und so erschien ihr alles oben still. Sie hatte das elektrische Licht im Gange aufgedreht und suchte unter den Kleidern, die in der Kammer hingen. Plötzlich, als sie, die Sachen im Arm, die Tür schon zugeschlossen hatte, fühlte sie sich von hinten umschlungen und gewaltsam geküßt. Rudi war es, der lachend sagte, sie solle immer hübsch an den »dummen Jungen« denken. Und als sie aufschrie und ihn einen gemeinen Menschen nannte, folgten Worte von ihm, die ihr die Schamröte ins Gesicht trieben. Im selben Augenblick hatte er das elektrische Licht ausgedreht, und sie stand im Dunkeln, nachdem sie laut um Hilfe geschrieen hatte. Kaum ihrer Sinne mächtig, war sie dann weiter getappt, hatte sich allmählich zurechtgefunden und war weinend in ihrem Zimmer auf das Sofa gesunken. Aus dem Lachen in der Küche entnahm sie, daß niemand etwas gehört hatte, und so bezwang sie sich allmählich. Rasch machte sie sich zum Ausgehen fertig, gebrauchte zu dem Hausmädchen die Ausrede, daß sie Frau Roderich eine Nachricht zu überbringen habe und daß die Kinder inzwischen nicht ohne Aufsicht bleiben dürften.
»Er hat mich schon immer belästigt, ich wollte es Euch nur nicht sagen. Ich habe ihn auch stets gründlich abfallen lassen, nun aber wirst Du einsehen —.« Sie konnte nicht weitersprechen, denn zuviel stürmte in diesem Augenblick auf sie ein.
Sein Entschluß war sofort gefaßt. »Geh und erwarte mich am Eingang — Kurfürstenstraße! Ich bringe Dich nach Hause.« Sein Groll war verschwunden, nur Entschlossenheit sprach aus ihm. Plötzlich drückte er ihre Hand. »Geh, Schwesterchen, Du sollst Genugtuung haben! Solche schmutzigen Burschen müssen nach ihrem Werte behandelt werden.«
Große Liebe zu ihr sprach aus seinen Augen, denn sofort fiel ihm ein, wie sie neulich wieder an ihn gedacht hatte. Trauriges Los eines armen Leutnants, der nach außen hin glänzen mußte und die Welt nie erfahren ließ, wie oft sorgsame Frauenhände bemüht waren, ihm über die Einschränkungen hinwegzuhelfen! Und diese hier war auch eine von den Schwestern, die sich mühten, die duldeten und entbehrten, um die Uniform in der Familie stets blank und rein zu halten. Und das sollte ihr heute dreifach vergolten werden, und wenn das eigene, kaum begonnene Glück frühzeitig in Trümmer fiel.
Sie sah jetzt erst, was für Folgen ihr übereilter Schritt haben würde, und so legte sie sich aufs Bitten. Sie wolle doch lieber wieder zurückgehen in ihre Stellung und morgen dem Bankdirektor alles sagen, er solle nur ruhig bleiben.
Die Tränen neuer Angst traten ihr in die Augen.
Er aber schnitt ihr jedes Wort ab. »Das ist meine Sache. Geh und warte draußen, ich befehle es Dir. In fünf Minuten bin ich da.«
Er zwang sich zur militärischen Rauheit, reichte ihr nochmals die Hand, drehte sich kurz um und ging denselben Weg, den er gekommen war.