Er nahm nicht wieder Platz bei den dreien, sondern sagte im Stehen höflich: »Ich bitte die Herrschaften sehr um Entschuldigung, wenn ich mich sofort empfehle. Zwingende Gründe rufen mich ... Gnädige Frau, ich hatte die Ehre —. ... Herr Bankdirektor, es war mir ein Vergnügen — ... Gnädiges Fräulein, ich habe mich herzlich gefreut —.« Damit verneigte er sich förmlich vor den Eltern, und mit einer Augensprache freundlicher vor Kornelia. Er hatte bereits dem Kellner gewinkt und bezahlte.
Alles geschah rasch, mit der deutlichen Absicht, nicht mehr aufgehalten zu werden. In der Bestürzung vergaßen Herr und Frau Roderich das Essen und hatten nur kurze Worte des Bedauerns. Kornelia jedoch reichte ihm ohne Zagen die Hand und sagte: »Wir hoffen auf baldiges Wiedersehen.« Sie hätte gerne noch mehr hinzugefügt, aber ihre Stimme stockte, denn etwas Fremdes sprach aus seinem Wesen, das sie nicht begriff.
Auch Frank hatte die Empfindung, daß er wenigstens zu ihr noch mehr sagen müsse, und er wollte schon ihre Hand an die Lippen ziehen, um seinen Gefühlen stumm Ausdruck zu geben, aber er bezwang sich mit Macht. Nochmals verbeugte er sich förmlich nach drei Seiten, grüßte militärisch und ging rasch aus der Halle.
Vater, Mutter und Tochter sahen sich überrascht an und suchten nach Worten. Dann endlich sagte Frau Roderich: »Das ist doch auffallend, findet Ihr nicht? Er hat ja nicht einmal seinen Wein ausgetrunken.«
Der Bankdirektor zuckte mit den Achseln und schwieg sich aus, Kornelia aber saß wie träumend da, ohne jede Bewegung. Sie hätte ihm nacheilen mögen, denn eine Ahnung sagte ihr, daß er dasselbe Bedürfnis haben würde, wie sie. Aber so etwas schickte sich nicht in dieser Welt des Scheins, wo die glatte Form den Vortritt vor den Gefühlen hatte.
Drüben schmetterte die Militärmusik. Fanfaren bliesen den Armeemarsch Friedrichs des Großen. Draußen auf der Straße hatte sich Frank mit seiner Schwester in eine Droschke gesetzt und empfahl dem Kutscher Eile.
Sie wollten noch vor zehn bei der Mutter sein.
XXI.
Eine Stunde später war im Hause Roderich großer Aufruhr. Fräulein war fortgegangen und nicht wiedergekommen. Emma hatte es berichtet und war erstaunt, durch Fanny in ihrer Wache nicht abgelöst zu werden. Nun war Kornelia alles klar, und die Eltern teilten ihre Ueberzeugung, daß nur die Schwester es gewesen sein könne, die den Bruder zu dem raschen Aufbruch veranlaßt habe. Man horchte das Hausmädchen aus, ohne die gewünschte Aufklärung zu bekommen. Auch der Kandidat hatte sich nicht mehr sehen lassen, und so war auch kein Grund zu der Annahme, er könnte die Veranlassung zu Fannys Flucht gewesen sein; denn nicht anders war ihre Handlungsweise aufzufassen. Sang- und klanglos war sie davon gegangen, ohne ihre Sachen mitzunehmen.
Kornelia, von dunklen Ahnungen erfüllt, stieg hinauf zu Rudi und klopfte: das Nest war leer. Das Rätsel blieb für sie ungelöst, da Emma berichtete, »der junge Här« sei gleich nach acht Uhr fortgegangen und habe ausdrücklich zum Diener gesagt, daß er erst spät wiederkommen werde; man möchte es den Eltern bestellen, falls sie fragen sollten.