Frau Agathe, die heute nach all der Aufregung die blühendste Einbildung hatte, war sofort geneigt, die Skandalszene im Hause nach ihrer Art auszulegen. »Ihr irrt Euch alle, sie war gar nicht drüben! Die hat Rudi angestiftet, mit ihr auszureißen. Paßt auf, es ist so! Jetzt wird endlich alles ans Licht kommen. Und wer wird recht haben? Ich! Sie hat neulich schon alles umgedreht, als die Sprache darauf kam.«
»Worauf denn?« warf Roderich überrascht ein. »Das ist ja etwas ganz Neues?«
»Na, jetzt kannst Du es ja auch wissen, Papa,« sagte Kornelia ruhig. »Sie hat schon viel unter Rudis Unausstehlichkeiten zu leiden gehabt, und ich ahne beinahe etwas Schlimmes, aber anders, wie Mama es tut.«
»Und das habt Ihr mir alles nicht gesagt?« Der Bankdirektor vergaß ganz die Nachtruhe, die ihm heute besonders nötig tat, denn er hatte sich schließlich müde gekneipt. Erregt ging er in dem großen Familienzimmer auf und ab, in jener Stimmung, die fleißige Sekttrinker oft überkommt, wenn sie von plötzlicher Munterkeit gepackt werden. Er war heute besonders kampflustig, das sah man ihm an. »Es wäre ja ein Skandal für unsere ganze Familie, wenn der Junge von schlimmen Instinkten geleitet worden wäre. Und so etwas spielt sich hinter meinem Rücken ab!«
»Der arme Kandidat, er tut mir wirklich leid,« fuhr Agathe, unberührt davon, in ihrer Meinung fort. Sie sah ihn plötzlich wieder in den Vordergrund gerückt, nachdem das Traumbild der Uniform so schnell verflogen war. Sie ahnte selbst, daß schlimme Dinge heranziehen würden.
»Bekümmere Dich nur nicht wieder um den Kandidaten, der wird sich schon ohne Dich helfen. Geh nur und leg Dich schlafen! Morgen ist auch noch ein Tag, und da wird sich das weitere finden!«
»Adolf, Du wirst wieder brutal. Das hab' ich nun davon. Ich wollte gleich nicht in den Zoologischen gehen. Aber Ihr hattet Euch beide gegen mich verschworen! Ihr steckt ja immer unter einer Decke. So einen kleinen Leutnant anzuschleppen, von dem zwölfe auf ein Dutzend gehen. Das war wieder so Nelis Art —. Immer nach ihrem Kopf, darin kommt sie ganz nach Dir!«
»Gott sei Dank!« brauste Roderich wieder auf.
Frau Agathe lachte, weil sie dieses Lob lächerlich fand. Die Sektgeister rumorten ebenfalls in ihr, und so waren ihre Nerven heute merkwürdig abgestumpft, was sie durch ihren Widerstand zu erkennen gab.
»Ihr solltet doch lieber sehen, ob Rudi nicht seinen Koffer gepackt hat. Vielleicht hat er gar Geld von Dir genommen. Geh und sieh einmal nach! Ich hab' ihn nicht erzogen. Gute Nacht!«